Reisebericht

Ganges-Wasser - schmutzig oder heilig?

22.April 2013 - Reisebericht von der Ganga Tour 2013 

Längere Version vom Blog 20! Veröffentlicht im Krishnas Freundeskreis Mai/Juni 2013.

 

„Oh Swagatam Gange, Saranagatam Gange!“ Gesänge zur Verherrlichung von Mutter Ganga erfüllen die Atmosphäre. „Gegrüsst seist du Ganga, Dir gebe ich mich hin, Ganga!“ Die Gebete werden von Tabla-Rhythmen begleitet und laden zum Mitklatschen und Singen ein. Die jungen Studenten des Ashramas entzünden die schweren Butterfettlampen und ihr Guru eröffnet die Ganga-Verehrungszeremonie am Ufer des heiligen Flusses. Am Horizont verfärbt sich der Himmel rötlich und die grosse Shiva-Statue auf der gegenüberliegenden Brücke des Paramarth Gaths strahlt eine mystische Präsenz aus. Ohne Zweifel sind diese Zeremonien, wie die hier beschriebene in Risikesha, einer der Höhepunkte unserer jährlichen Ganges-Reisen.



Weshalb eigentlich Ganga-Reise? Vielleicht kam die Inspiration von Krishna selber, schliesslich sagt er in der Gita: „von den strömenden Flüssen bin ich der Ganges!“. 


Auch Sri Caitanya Mahaprabhu besaß sehr viel Zuneigung zu Ganga Devi, wie die folgende Aussage aus dem Caitanya Caritamrita bestätigt:  `In Bengal habe ich zwei Orte der Zuflucht;  Meine Mutter und Ganga! Beide sind sehr Barmherzig!`



In Indien hatten die Menschen schon immer ein tiefes Vertrauen in den Gangesfluss und die aussergewöhnliche Kraft seines Wassers. König Akbar nannte es `Wasser der Unsterblichkeit`und trug steht`s etwas Reserven bei sich. Selbst britische Seefahrer schätzten das Gangeswasser auf ihren dreimonatigen Schiffsreisen nach England, da es immer `süss und frisch` blieb. Ich selber erfuhr auf meinen Pilgerreisen immer wieder die reinigende Wirkung des heiligen Wassers. Auf der letzten Ganges-Reise hatten einige Teilnehmer diesbezüglich aber auch ihre Zweifel zum Ausdruck gebracht.



`Reinigende Wirkung?!`Leider ist der heiligste Fluss Indiens wohl auch einer der schmutzigsten Flüsse des Landes! Zwar hat der Ganges eine enorm starke selbstreinigende Kraft, aber allein in Kolkata werden täglich 320 Mio. Liter Abwässer in den Gangesarm Hugli eingeleitet. Die Belastung durch Kolibakterien soll 2000-mal höher sein als in Indien erlaubt ist. Man kann es also nicht abstreiten, der Zustand des Ganges ist eine ökologische Katastrophe! Daran konnte leider auch die ihm Jahr 1986 gestartete Initiative „Ganga Action Plans“, welches das teuerste und umfassendste Umweltschutzprogramm in der Geschichte Indiens war, nicht viel ändern.

Aber was ist so speziell an diesem Fluss, dass bis heute täglich tausende Menschen an die Ufer des Ganges pilgern um dort ihr `reinigendes Bad` zu nehmen und den Fluss mit unglaublicher Hingabe Blumen, Räucherwerk und Opfergaben darbringen?



Wir kennen die Textstellen aus dem Srimad Bhagavad wo beschrieben wird, dass der Fluss Ganges als heilig und läuternd gilt, weil er aus der spirituellen Welt kommt und den Zeh Vamanadevas (Visnu) berührte. Zuerst floss der Ganges nur auf den himmlischen Planeten. Dann bat der grosse König Bhagirath, dass der Ganges auf die Erde herabkommen möge um sie zu reinigen. Der mächtige Shiva war es dann, welcher sich bereit erklärte, das himmlische Wasser auf seinem Kopf aufzufangen.



Verehrt wird der heilige Fluss in der Form der Fluss-Göttin Ganga Devi. An vielen Orten sind am Ufer des Ganges Bildgestalten von Mutter Ganga zu finden. Sie besitzt eine helle Hauttönung, ist in einem weissen Sari gekleidet, hält Krug und Lotosblume in ihren Händen und reitet auf einem Krokodil. Ihre reinigende Kraft wird in unzähligen Schriften besungen: „Wer einfach`Gange! Gange!`ausspricht, wird von allen Sünden gereinigt und erreicht den ewigen Himmel, das Reich Gottes!“ (Devi Purana) „Man wird gereinigt von allen Sünden wenn man einfach Mutter Ganga sieht, berührt oder ihr Wasser trinkt!“ (Agni Purana) Auch im Mahabharat heisst es: „In diesem Zeitalter des Kali ist das Heiligste Mutter Ganga...sie reinigt die ganze Welt mit ihrem Wasser“



Was ist nun aber die Schlussfolgerung? Ist der Ganges einfach ein schmutziger Fluss oder doch etwa eine flüssige Göttin? Nun, Ich muss zugeben, ein Bad in Devaprayag, im klaren Himalaya-Gewässer fühlt sich schon etwas anders an, als ein Bad einige hundert Kilometer weiter unten in Städten wie Varanasi. Und ich würde es mir wünschen, dass die Inder ihren heiligen Fluss genau so behandelten, wie sie ihn verehren!



Dennoch hab ich immer wieder erfahren, wie der äusserlich schmutzige Fluss die Fähigkeit besitzt, die Unreinheiten im Innern zu beseitigen. Und dies bestätigen Jahr für Jahr selbst die skeptischsten Reiseteilnehmer!

Gerne teile ich zum Schluss noch die folgenden Sanskrit Gebeten zur Verherrlichung Mutter Gangas mit euch. Sie wurden von Panditaraja Jagannatha verfasst und waren auf der diesjährigen Reise unsere Begleiter als Einstimmung auf das Ganga-Bad.



`Panditaraja war ein Sanskritgelehrter und berühmter Poet im Indien des 16. Jahrhunderts. Er hatte eine hohe Position am Hof des muslimischen Königs Sah Jahan inne. Als er sich in eine muslimische Frau verliebte, wurde er von der brahmana-Gemeinde verstossen. Als Busse begab er sich nach Varanasi, um Gebete an Mutter Ganga zu verfassen. Auf der obersten Stufe der 52 Stufen des Panchaganga ghata sitzend, verfasste er 52 Verse, und mit jedem Vers kam Mutter Ganga eine Stufe höher, so zufrieden war sie mit seinen Gebeten. Schliesslich erreichte sie seine Füsse. Als die brahmanas sahen, dass Mutter Ganga auf diese Weise persönlich Absolution erteilte, nahmen sie ihn wieder in ihrem Kreis auf.` (Auszug aus der Einleitung der Deutschübersetzung von Gaura-siromani dasa Abentheuer,Deutschland Juni, 2000)



Ganga-lahari - Die mächtigen Wellen von Mutter Ganga - Eine Auswahl von Versen



Text 1
O Ganga Devi! Dein Wasser ist das unbegreifliche, überschäumende Glück der ganzen Erde. Es ist durchdrungen von der Größe Sri Shivas, der spielerisch das Universum schuf. Dein Wasser ist der Reichtum aller Veden und der Verdienst der Halbgötter, den sie gewonnen haben, indem sie Dich auf diese Welt herab brachten. Möge Dein Wasser, dass die Reinheit von Nektar besitzt, all unser Unglück beseitigen.



Text 2
O Mutter Ganga! Sobald der Strom Deines Wassers den Blickwinkel der Augen erreicht, zerstört es die Leiden der Armen und die Sünden der Menschen, deren Herzen voll schlechter Neigungen sind. Dieser Strom Deines Wassers ist der einweihende spirituelle Meister auf der Erde, der auf der Stelle den Baum der alldurchdringenden Unwissenheit fällt. Möge uns dieser Strom unbegrenztes Glück gewähren.



Text 5
Deine Form besteht aus Wasser, das es wert ist, von allen Halbgöttern verehrt zu werden. Wie ein Strom von Mondlicht, das alle Dunkelheit auflöst, nimmt Deine Form die Trägheit aus dem Geist derer, die sich auch nur einmal an Dich erinnern, selbst wenn sie nicht eine einzige fromme Tat begannen haben. O Gangadevi! Möge Deine Form das Leid aus meinem Herzen wegnehmen, und auch meine dreifachen Sündhaften Reaktionen.



Text 8
Wenn man sich auch nur einmal an den Namen Ganga erinnert, wird der Geist auf der Stelle friedlich. Und wenn man ihn mit Respekt ausspricht, trägt ihr Name alle Sünden und alles Leid aus dieser Welt fort. Möge der Name Mutter Ganga mit seinem süssen Klang einen schönen Schein auf den Lotos meines Mundes verbreiten, wenn ich meinen letzten Atemzug hauche.



Text 11
Das Reichtum Vishnus, jenseits aller Vorstellungen, kann man nicht erreichen, selbst wenn man grosse Spenden gibt, auf verschiedenste Weise meditiert, irgendwelche Opfer ausführt oder sogar makellos rein, strenge Entsagung auf sich nimmt. Aber Du, Ganga Devi, garantierst jedem, ohne Unterscheidung, freien Zugang zu jenem Reich. Sag uns daher, wer sich mit Dir vergleichen kann!



Text 21
O Mutter! Du wirst vom Nagel am Lotosfuss Sri Vishnus geboren, des Ehemanns von Laksmi Devi. Du wohnst im Haus, das die Haarlocken Sri Shivas bilden, des Vernichters von Kamadeva. Ausserdem nimmst Du Dich ernsthaft derer an, die getötet und gefallen sind. Warum denn ist Deine Grösse nicht offenbar in dieser Welt?



Text 32
O Mutter! Was können diese Augen schon bewirken, solange sie nicht respektvoll Deinen schönen Körper betrachten? Und in der Tat bezeugen diese Ohren Respektlosigkeit, wenn der kalakala-Klang des spielerischen Wogens Deiner Wellen nicht in sie eindringt.



Text 48
O Mutter! Du hast eine Körpertönung so weiss wie der Herbstmond. Deine Krone ist dekoriert mit der Sichel des Mondes, die von weissen Schlangen umgeben ist. Deine Hände nehmen die Stellung ein, Segnungen und Furchtlosigkeit zu gewähren, und Deinen beiden anderen Händen hältst Du einen Krug und eine Lotosblume. Deine Schmuckstücke und Kleider gleichen einem Fluss von Nektar, und Du reitest auf einem weissen Krokodil. Wer über diese Form von Dir meditiert, wird von jeglichen Schaden verschont.



Text 52
Möge Ganga Devi, die den Kopf von Sri Shiva dekoriert; die rasch die Leiden zahlreicher Menschen zerstört; deren schöne Wellen sehr hoch wogen - möge diese Ganga die Glieder meines Körpers fortwährend reinigen.

Text 53
Wer immer dieses Gebet namens Piyusa-lahari rezitiert, das Panditaraja Jagannatha verfasst hat, wird überall Glück und Wohlstand begegnen.