Warum religiöse Bewegungen 

erfolgreich sind oder fehlschlagen

Ein soziologischer Blick auf die ISKCON

Zusammengetragen von Krishna Premarupa Dasa 

 

Auf der Grundlage von 

Dr. Rotney Starks, Professor der Sozialwissenschaften an der Baylor Universität, in Texas 

und dem Seminar `Why Religious Movements Succeed or Fail?`von Kaunteya Dasa im Rahmen der Ausbildung am GBC College 2016-17. www.gbc-college.com

 

Warum religiöse Bewegungen erfolgreich sind oder fehlschlagen - Teil 1/5 

 

Mit diesem Text beginnt eine Serie von Artikeln die sich mit der Frage beschäftigen weshalb gewisse religiöse Bewegungen erfolgreich sind und anderen nicht. Hierbei geht es um eine soziologische Auseinandersetzung mit Religionsgemeinschaften.

 

Die Grundlage dieser Reihe von Artikeln ist ein Seminar von Kaunteya Prabhu 1, welches im Rahmen des GBC Colleges statt fand. Das GBC College bietet Ausbildungen für Führungskräfte in der ISKCON an und bemüht sich mit diesem Kurs einen soziologischen Blick auf die ISKCON zu werfen. 2

 

Kaunteya Prabhu selber bezieht sich in seinem Seminar auf eine Publikation von Dr. Rodney Stark 3 mit dem Titel:  „Warum religiöse Bewegungen erfolgreich sind oder fehlschlagen" Die Arbeit präsentiert zehn soziologische Aussagen, zehn Aspekte - charakteristisch für erfolgreiche Gruppen; religiöse Bewegungen die überleben und expandieren.

 

Auch in diesem Jahr werden hunderte von neuen religiösen Bewegungen auf der Welt entstehen. Einige werden von verärgerten Mitgliedern, die aus älteren religiösen Gemeinschaften austreten, gebildet werden. Andere werden entstehen, weil jemand eine neue religiöse Form geschaffen oder entdeckt hat und andere von ihrer Authentizität überzeugen konnte. Jedoch haben fast alle neuen Gruppen eins gemeinsam, wie unterschiedlich auch immer ihre Entstehung sein mag: Sie werden sicherlich scheitern. Obwohl es unmöglich ist, die genaue Erfolgsquote zu berechnen, wird wahrscheinlich nicht mehr als eine religiöse Bewegung von tausend mehr als 100.000 Anhänger anziehen und ein Jahrhundert überdauern. Und selbst die meisten Bewegungen, die diese bescheidenen Ergebnisse erzielen, werden nicht mehr als eine Fußnote in der Religionsgeschichte bleiben.

 

Aber was macht nun eine religiöse Bewegung erfolgreich? Dr. Rodney Stark Theorie besteht aus den folgenden 10 Aussagen, in jeder Artikel Reihe werden wir 1-2 Aussagen analysieren in in Bezug zur ISKCON stellen. 

 

10 Ursachen für den Erfolg religiöser Bewegungen, nach Professor Rodney Stark: 

 

Unter sonst gleichen Bedingungen werden religiöse Bewegungen in dem Maße erfolgreich sein, wie

 

1. sie kulturelle Kontinuität mit den konventionellen Glaubenssystemen der Gesellschaften, in denen sie Konvertiten suchen, beibehalten;

2. ihre Lehren nicht-empirisch sind;

3. sie einen mittleren Grad von Spannung mit ihrer Umgebung halten strikt, aber nicht zu strikt sind;

4. sie legitime Führer mit angemessener Autorität, um effektiv zu sein haben;

5. sie einen hoch motivierten, freiwilligen Arbeitseinsatz mobilisieren können, einschließlich vieler Mitglieder, die bereit sind zur Bekehrungsarbeit;

6. sie eine Geburtenzahl sicherstellen, die ausreicht, um wenigstens die Sterblichkeitsrate auszugleichen;

7. sie mit schwachen alteingesessenen religiösen Organisationen innerhalb eines relativ unregulierten religiösen Marktes konkurrieren;

8. sie starke interne Beziehungen unterhalten, während sie gleichzeitig ein offenes soziales Netzwerk bleiben, das in der Lage ist, Verbindungen zu Menschen außerhalb aufrechtzuerhalten und neu zu knüpfen.

9. sie dauerhaft eine ausreichend Spannung zu ihrer Umgebung aufrechterhalten, ausreichend strikt bleiben. 

10. sie die Jugend ausreichend gut sozialisieren, um sowohl Austritt als auch die Forderung nach reduzierter Strenge zu minimieren.

 

Hier folgt nun die erste der zehn Thesen: 

 

1. Kulturelle Kontinuität beibehalten

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie kulturelle Kontinuität mit den konventionellen Glaubenssystemen der Gesellschaften beibehalten, in denen sie Konvertiten suchen.

 

Für die meisten Menschen ist es einfacher sich einer Bewegung anzuschließen mit welcher sie sich leicht identifizieren können - kulturell, emotional und psychologisch.  

Eine Bewegung also, die Aspekte besitzt, für die sie bereits einen Glauben oder eine Vertrautheit entwickelt haben.

 

Mit der Erziehung erhalten wir eine gewisse kulturelle Prägung mit auf unseren Lebensweg. Wir haben Gemeinschaft mit gewissen Menschen, lernen gewisse Rituale kennen, werden vertraut mit einer gewissen Sprache in welcher Gebete gesprochen werden und so weiter. So entsteht ein kulturelles Kapital welches wir uns erarbeitet haben. Daher ist es in der Regel einfacher sich einer Tradition anzuschliessen, welche sich vertraut anfühlt, als etwas Unbekanntes anzunehmen, wo man sein kulturelles Kapital, so zu sagen einfach über Bord werfen muss. 

 

Kontinuität aufzeigen

 

Srila Prabhupada war sich dieses Prinzips sehr bewusst und bemühte sich das Krishna Bewusstsein entsprechend zu präsentieren:  “Meine Bitte also, besonders an die indische Bevölkerung, vernachlässigt eure Kultur nicht, die vedische Kultur. Vedische Kultur bedeutet Krishna-Bewusstsein. "4  Srila Prabhupada betont hier die Ursprünge der vedischen Kultur und weisst darauf hin, dass das Krishna Bewusstsein die Essenz dieser Kultur darstellt. 

 

Im christlich geprägten Westen hat Srila Prabhupada immer wieder darauf hingewiesen wie das Christentum in der Essenz dem Weg des Bhakti Yogas sehr ähnlich ist und bat auch seine Schüler diese Verbindungen aufzuzeigen: 

 

"Ich denke, du solltest einige Informationen aus der Bibel sammeln, welche aufzeigen dass Sankirtana, das Lobpreisen der heiligen Namen Gottes, auch dort empfohlen wird. 

Es gibt ein Buch namens `Wassermann-Evangelium`, in dem es heißt, dass Jesus Christus im Tempel von Jagannatha lebte . . So weit wie möglich, solltest du aufzeigen dass unsere Bewegung nicht gegen die Philosophie Jesu Christi ist, sondern in voller Übereinstimmung mit seinem Verständnis der Religiosität steht.“ 5  "Der Islam ist Vaishnava dharma in einer groben Form wie das Christentum. . . viele Kirchen stehen leer…Wenn sie uns diese Kirchen geben, werden wir Nitai-Gaura und Panca-tattva Bildgestalten installieren und zusammen mit Ihnen auch Jesus Christus verehren. Ebenso können wir das mit Muhammad tun. Das wäre keine Problem.“ 6

 

Srila Prabhupada unterweist hier seine Schüler darin den Menschen aufzuzeigen wie selbst jemand aus christlichem oder islamischen Hintergrund seine Kultur nicht vollständig aufgeben muss, sondern weisst darauf hin wie das Krishna Bewusstsein eine Weiterführung davon sein kann. 

 

Das ist das Verständnis der kulturellen Weiterführung. Diese These erklärt auch weshalb sich das Krishna Bewusstsein in Indien besser etabliert hat als im Westen, weil dort die kulturelle Weiterführung gegeben ist. Selbst im Westen sind es oft Inder oder bei uns in der Schweiz viele Tamilen die einen grossen Teil der Gemeinde des Krishna Tempels ausmachen. Für die Tamilen bedeutete das Kennenlernen des Krishna Bewusstseins in der Schweiz eine Art kultureller Weiterführung; das was sie aus ihrer Heimat kannten, durften sie hier, in einem fremden Umfeld wieder entdecken und so etwas bereits bekanntes, in einer leicht neuen Form weiterführen. 

Kontinuität aufgrund kultureller Veränderungen

 

Obwohl das Krishna Bewusstsein im Westen also vor einer Herausforderung steht, da es durch das Medium einer fremde Kultur vermittelt wird, können wir vermehrt feststellen, dass die so genannt fremde Kultur, sich immer grösser Beliebtheit erfreut, dadurch nicht länger so etwas fremdes bleibt und für manche sogar als kulturellen Kontinuität erfahren wird! Diese Entwicklung ist für die Verbreitung des Krishna Bewusstseins sehr förderlich.  

 

Unzählige Begriffe und Gedankengüter aus der indischen Kultur sind in den letzten Jahrzehnten in die moderne westliche Welt aufgenommen worden. Das ursprünglich religiöse Farbenfest Holi wird längst als kommerzielle Open Air Events gefeiert, Yoga Schulen schiessen wie Pilze aus dem Boden und Grossverteiler Coop nennt ihre vegetarische Produkte `Karma`! 

 

Lisa Miler, eine bekannte Journalisten in den USA, schrieb im Jahr 2010 schon: „Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass wir zumindest konzeptionell langsam mehr wie Hindus werden und weniger wie traditionelle Christen in der Art, wie wir über Gott, uns selbst, und die Ewigkeit denken….Ein Viertel der Amerikaner glaubt jetzt an Reinkarnation. (Frauen eher als Männer, Demokraten eher als Republikaner.) Julia Roberts erzählte kürzlich dem Elle Magazin, dass sie, obwohl christlich erzogen, mittlerweilen "sehr Hindu" geworden sei.“  

 

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts DemoSCOPE glauben in der Schweiz 70% der Bevölkerung an eine Weiterexistenz der Seele nach dem Tod, und 33% glauben, daß sich Menschen im Sinne der Wiedergeburt neu verkörpern.

 

Eindrückliches Beispiel für den Einfluss des Reinkarnationsgedanken in einem Hollywoodstreifen ist der Film `Avatar`, welcher als finanziell erfolgreichster Film aller Zeiten gilt. Das Verständnis, dass wir nicht der Körper sind, sonder ein davon unabhängiges Bewusstsein, welches von einem Körper zum andern wechseln kann und dabei seine ursprüngliche Individualität beibehält, bildet die Grundlage des Films und wird immer wieder aufgezeigt. 

 

Konzept der Reinkarnation ist mittlerweile so populär das selbst Großkonzerne wie Volkswagen sich nicht scheuen es in ihrer Werbung zu nutzen! Das bedeutet das Unmengen an Gelder in Werbung gesteckt wird im Vertrauen, dass potentielle Kunden mit der Idee vertraut sind und einen Bezug dazu haben, so hiess dann der Werbeslogan zum  neun Käfer Model: 

 

"Wenn Sie in einem vergangenen Leben wirklich gut waren, kommen Sie als etwas Besseres zurück.“ 

 

Diese Beispiele zeigen, wie gewisse grundlegenden Werte des Krishna Bewusstsein auch im Westen mehr und mehr `Salonfähig` geworden sind. Dies wiederum macht den Zugang zum Krishna Bewusstsein einfacher. 

 

Zusammenfassend könne wir also sagen, dass die Verbreitung des Krishna Bewusstseins in Indien wesentlich einfacher ist als im Westen da eine kulturelle Weiterführung geben ist. Auf der anderen Seite kann das Krishna Bewusstsein auch im Westen auf fruchtbaren Boden fallen, vorausgesetzt die kulturelle Weiterführung wird entweder durch die Gemeinsamkeit der Traditionen aufgezeigt oder es wird am vorhanden Wissen über die vedische Kultur angeknüpft so das es ebenfalls zu einer Art kulturelle Weiterführung kommt. 

 

Soweit die erste These: Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie kulturelle Kontinuität mit den konventionellen Glaubenssystemen der Gesellschaften beibehalten, in denen sie Konvertiten suchen.

 

In der nächsten Ausgabe folgen These 2 und 3 mit den Titeln: `Ihre Lehren sind nicht-empirisch` und  `sie halten einen mittleren Grad von Spannung mit ihrer Umgebung, sie sind strikt, aber nicht zu strikt.`

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1 - Kaunteya Prabhu , geboren 1963 in Rom, ist ein Schüler von H.H. Jayapataka Swami, trat der ISKCON im Jahr 1980 bei, lebt heute mit seiner Frau in Mayapur und dient als Co-Minister des ISKCON Congregational Development Ministry, als Trustee des GBC College for Leadership Development und als Mitglied des GBC Strategic Planning Teams. 

2 - Unter Soziologie versteht man grundsätzlich das Studium des menschlichen sozialen Verhaltens oder die Analyse einer sozialen Institution.Die Religionssoziologie unterscheidet sich von der Religionsphilosophie darin, dass sie nicht die Gültigkeit religiöser Überzeugungen zu beurteilen versucht.

3 - Rodney Stark, geb. 1934, ist ein amerikanischer Soziologe der Religion. Er ist Professor der Sozialwissenschaften an der Baylor Universität, in Texas. Stark hat über dreißig Bücher und mehr als hundertvierzig wissenschaftliche Artikel geschrieben.

4 - Vorlesung, Mumbai, 14 January 1973

5-  Letter to Hayagriva, 31 July 1969

6 - Room Conversation with Yoga Student, Tehran, 14 March 1975

 

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Warum religiöse Bewegungen erfolgreich sind oder fehlschlagen - Teil 2/5 

 

Im zweiten Teil dieser Artikelreihe erörtern wir die Thesen zwei und drei  `Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie ihre Lehren nicht empirisch sind und sie einen mittleren Grad von Spannung mit ihrer Umgebung halten. 

 

2. These: Nicht empirische Lehren

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie ihre Lehren nicht empirisch sind. 

 

„Der enorme Vorteil, den religiöse Bewegungen gegenüber weltlichen Bewegungen haben, ist ihre Fähigkeit, empirische Widerlegungen zu vermeiden. Religiöse Bewegungen müssen ihre Versprechen nicht in dieser Welt einlösen; man erhält ihre wertvollsten Belohnungen erst in einer der irdischen Überprüfung entzogenen Realität. Obwohl grundsätzlich alle religiösen Bewegungen diese Möglichkeit haben, nutzen sie nicht alle. Einige stellen wichtige, empirisch überprüfbare Behauptungen auf, z.B., daß die Welt bald enden wird. Obwohl Prophezeiungen großes Aufsehen erregen und zunächst viele neue Anhänger anziehen können, gleicht die folgende Enttäuschung gewöhnlicherweise diese Vorteile mehr als aus. Tatsächlich litten die Zeugen Jehovas, nachdem ihre Erwartung des Weltendes für 1975 unerfüllt blieb, für einige Jahre unter einem sehr deutlichen Niedergang ihrer Missionsaktivitäten und ihrer Bekehrungsraten.“ 1

 

In Bezug zur ISKCON gibt es zu diesem Punkt nicht all zu viel zu bemerken, es ist nicht eine Thema, was uns gross betrifft, obwohl wir durchaus auch Prophezeiungen kennen. 

 

Prophezeiungen die sich erfüllen 

 

Vyasadeva, der Verfasser der Veden, war tri-kala-jnana, er konnte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehen. In seinem Srimad Bhagavatam macht  er viele Prophezeiungen. Im 12.Canto z.B. finden wir viele Voraussagen, welche das Kali Yuga, unser gegenwärtiges Zeitalter, beschreiben:  "O König, auf Grund des mächtigen Einflusses des Zeitalter Kalis werden Religion, Wahrhaftigkeit, Sauberkeit, Toleranz, Barmherzigkeit, Lebensdauer, körperliche Kraft und Erinnerung alle Tag für Tag abnehmen. Im Kali-yuga wird der Reichtum allein als Zeichen der guten Geburt eines Mannes, des ordnungsgemäßen Verhaltens und der feinen Qualitäten betrachtet. Und Gesetz und Gerechtigkeit werden nur auf der Grundlage der Macht angewandt werden. Männer und Frauen werden nur wegen der oberflächlichen Anziehung zusammenleben und der Erfolg im Geschäft wird von Betrug abhängen..“ 2

 

Im 11.Canto finden wir auch Hinweise auf das Erscheinen Caitanya Mahaprabhus. Caitanya selber macht ebenfalls Prophezeiungen in Bezug auf seine Sankirtana Bewegung: pṛthivīte āche yata nagarādi grāma - sarvatra pracāra haibe mora nāma - “In jeder Stadt und jedem Dorf der Welt wird das Singen Meines Namens gehört werden.“ 3 

 

Bhaktivinoda Thakur sprach auch von einer bevollmächtigten Person, welche die Sankirtana Mission weiterführen wird: "Eine Persönlichkeit wird bald erscheinen, um die Lehren des Herrn Caitanya zu predigen und sich mit seiner Botschaft uneingeschränkt über die ganze Welt bewegen.“ Natürlich erkennen wir darin Srila Prabhupada, welcher 14 Mal um die Welt reiste und Krishna Bewusstsein auf jedem Kontinent verbreitete. Auch der Tempel, welcher zur Zeit in Mayapur gebaut wird, wurde von Bhaktivinoda Thakur in einer Vision gesehen. Srila Prabhupada selber sagt dazu: „Srila Bhaktivinoda Thakura wollte, dass die amerikanischen und europäischen Devotees nach Mayapur kommen würden, und die Prophezeiung ist nun erfüllt. „ 4 

 

Unsere Beziehung zu Prophezeiungen ist eine sehr spezielle. Wir haben den Vorteil, dass kein genauen Daten gegeben werden (oder diese weit in der Zukunft liegen) und dass die Vorhersagen tatsächlich in Erfüllung gehen, oder wie es Srila Prabhupada sagte:  „Es gibt viele solche Prophezeiungen, und sie erfüllen sich alle, eine nach der anderen.“ 5

 

3. These: Mittlere Spannung und Strenge

 

Um zu wachsen, muß eine religiöse Bewegung eine religiöse Kultur anbieten, die sie unterscheidet von der allgemeinen, weltlichen Kultur. Das bedeutet, Bewegungen müssen relativ strikte moralische Standards aufstellen. Als These formuliert:

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie einen mittleren Grad von Spannung mit ihrer Umgebung halten - strikt, aber nicht zu strikt sind.

 

Diese These umfasst zwei Aspekte. Einerseits bezieht sich `mittlere Spannung oder Strenge` auf das Umfeld, in welcher die religiöse Bewegung lebt. Die Bewegung bietet also einen alternativen Lebensstil an, welcher sich deutlich von der säkularen, materialistischen Gesellschaft unterscheidet, wodurch ganz natürlich eine gewisse Spannung erzeugt wird. Andererseits bezieht sich `mittlere Spannung oder Strenge` auch auf die Anforderungen, welche an die Mitglieder innerhalb der Bewegung gestellt werden. Die Kunst dabei ist es ein Gleichgewicht zu finden, streng aber nicht zu streng zu sein. 

 

Alternativer Lebensstil statt Formalität 

 

Srila Prabhupada definierte das Krishna Bewusstsein einmal folgendermassen: „Die Bewegung für Krishna Bewusstsein umfasst alle Aspekte des Lebens. Es ist nicht ein stereotypisches `Kirchentum`, wöchentlich ein Mal zur Kirche gehen, dann aber doch allen Unsinn machen. Nein. Es umfasst alle Bereiche des Lebens.“  6

 

Für uns im Krishna Bewusstsein ist spirituelles Leben ein wissenschaftlicher Vorgang der Selbstverwirklichung. Wir befolgen den Pfad, wie er uns von Srila Rupa Goswami und der Guruparampara gegeben wurden. Es ist also nicht einfach eine Formalität. Srila Prabhupada benützt hier das Wort `Kirchentum`anstatt Christentum. Eine Form der Religiosität in der jemand nicht mehr ein Nachfolger Jesus Christus ist, sondern einfach aus sozialem Druck oder Formalität einmal die Woche zur Kirche geht, dann aber dennoch in allen Arten von sündhaften Tätigkeiten beschäftigt ist und weltliche Unterhaltung geniesst wie alle anderen, die keine Christen sind. In diesem Fall besteht keine Spannung zum Umfeld, was dazu führt, dass die religiöse Bewegung an Wirkungskraft verliert. 

 

Wenn eine Bewegung aber spezifische Richtlinien hat, macht dies die Gemeinschaft stärker, gesünder und anziehender. Das Krishna Bewusstsein oder jede ernsthafte religiöse Bewegung bietet eine Alternative für alle Bereiche des Lebens. Dr. Rotney Starks drückt dies so aus: „Strenge bezieht sich auf den Grad, in dem eine religiöse Gruppe einen getrennten und ausgeprägten Lebensstil oder eine Moral im persönlichen und im Familienleben in solchen Gebieten wie Bekleidung, Ernährung, Trinken, Unterhaltung, Gebrauch der Zeit, Sexualität, Kinderaufziehen usw. fordert. Eine Gruppe ist nicht streng in dem Ausmaß, indem sie `den üblichen Lebensstil in diesen Bereichen` unterstützt.“

 

Die Regeln und Anforderungen sollen also streng, aber nicht zu streng sein. Eine Gruppe wie die Naga Babas (nackte Asketen in Indien) werden nie eine grosse Gemeinde bilden, da ihre Form der Entsagung und des Lebensstiel einfach zu radikal sind. Gewisse Richtlinien sind aber notwendig um die Reinheit zu bewahren. Srila Prabhupada betonte dies sehr immer wider: 

 

„Oft wurde mir von den so genanten Sadhus gesagt, dass ich nicht erwarten soll, dass die Westler fähig sein werden sündhafte Tätigkeiten zu vermeiden. Aber ich bin nie Kompromisse eingegangen und als Resultat davon ist unsere Position sehr einzigartig.“ 7 

Srila Prabhupada betont hier, dass Qualität wichtiger ist als Quantität, dass wir unseren Prinzipien treu bleiben sollen, dass wir die Wahrheit sprechen müssen und dass es zweitrangig ist ob und wie viele die Leute das annehmen können. „Ich halte nicht viel von der Idee, Dinge zu ändern, um der Öffentlichkeit gerecht zu werden - besser wir verändern die Öffentlichkeit so, das sie sich uns anpassen.“ 8

 

Spannung mit dem Umfeld

 

Solch eine Haltung führt zu einer gewissen Spannung mit dem Umfeld. Ein Spannung, welche hilfreich, ja sogar notwendig ist, damit eine religiöse Bewegung attraktiv bleibt und auch wirklich eine alternative Lebensweise anbieten kann. 

 

In der ISKCON mangelt es nicht an Themen, die kontrovers sind. Wir sind zB gegen die Atheisten, gegen die falschen Inkarnationen Gottes, gegen die Darwinisten, gegen die Kuhtöter und gegen die Mayavadis (Unpersönlichkeitsanhänger).Während wir eine gewisse Spannung zum Umfeld aufrecht erhalten oder sogar erzeugen, sollten wir aber nicht unnötig Feinde schaffen. Man mag falsche Ideen und Konzepte angreifen, aber nicht unbedingt Personen, welche diese Ideen vertreten. Srila Prabhupada selber nahm aber kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging die Werte der materialistischen Gesellschaft in Frage zu stellen und war oft er sehr konfrontal in diesem Zusammenhang: 

 

„Das ist die Herausforderung; ‚ihr seid alles Halunken,' dies ist ein sehr starkes Wort, aber eigentlich ist das die Tatsache. Das ist die Tatsache. Es ist eine revolutionäre Bewegung. Wir fordern alle heraus und sagen ihr seid alle Esel und Kühe und Tiere, denn ihr besitzt kein Wissen jenseits dieses Körpers.“ 9 

 

Alle als Esel und Kühe zu bezeichnen ist sicherlich ein Indikator, dass hier eine gewisse Spannung mit dem Umfeld vorhanden ist, dass wir nicht einverstanden sind mit der Art und Weise,  wie Menschen ihr Leben führen und die Welt betrachten. Natürlich sollten wir, wenn wir solche Aussagen hören, nicht denken, wir seien etwas besseres als all die anderen Menschen. Auch hier ist es wichtig zu lernen eine gewisse Balance zu finden zwischen der Haltung, sich als demütige Diener der Menschheit zu betrachten und gleichzeitig die Überzeugung zu haben, das die Menschen ihr Leben verschwenden, solange sie nicht ihr Gottesbewusstsein entwickeln. 

 

Religionen, die um nichts bitten, bekommen nichts

 

Kommen wir aber noch einmal zurück zum Aspekt der Anforderungen an die eigenen Mitglieder. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, daß Anforderungen, die etwas kosten, eine Religion immer weniger attraktiv machen. Das Gegenteil ist aber der Fall, Dr. Starks sagt: „Anforderungen, die etwas kosten, stärken eine religiöse Gruppe in zweierlei Weise. Erstens schaffen sie eine Hürde für den Eintritt in die Gruppe. Es ist nicht mehr länger möglich, einfach hineinzukommen und die Vorteile der Mitgliedschaft zu ernten. Um an all dem teilzunehmen, muß man sich qualifizieren, in dem man die Opfer akzeptiert, die von jedem verlangt werden. Auf diese Weise führen hohe Kosten dazu, Schmarotzer auszusieben, jene potentiellen Mitglieder, deren Engagement und Teilnahme sonst sehr niedrig wäre.“ 

 

In manchen ISKCON Tempeln herrscht am Sonntagsfest eine Stimmung wo alle mitmachen. Alle nehmen an der Vorlesung teil, hören mit grosser Aufmerksamkeit zu, sind an der Arati, am Kirtana mit dabei. Jeder beteiligt sich in an einem Dienst; einige kochen, andere servieren Prasadam oder reinigen Töpfe und die Atmosphäre ist sehr kraftvoll, sehr anziehend. In anderen Tempeln sehen wir andere Verhältnisse; die Besucher kommen nicht zur Vorlesung, stehen draussen rum, sprechen über belanglose Dinge, kritisieren dies und jenes, kommen nur zum Prasadam, nehmen aber nicht am Kirtana teil. Dies sind die Personen welche von Dr. Starks als `Free Riders` oder Schmarotzer bezeichnet würden. Mit andern Worten, sie bedienen sich an dem was Angeboten wird, geben aber nichts zurück. Dadurch beeinflussen sie die Atmosphäre negativ. Die Energie wird runtergezogen. Wenn eine Bewegung also strikt ist, hilft dies zu vermeiden dass, solche Leute beitreten. Hohe Anforderung beschützen also eine Gemeinschaft.

 

Dr. Rotney Starks führt dann weiter aus: `Zweitens führen hohe Kosten dazu, das Engagement unter denen zu erhöhen, die beitreten, weil sie die Belohnung erhöhen, die aus der Mitarbeit erwächst….die positive Erfahrung eines einzelnen bei einem Gottesdienst wächst in dem Maße, wie die Kirche voll ist, die Mitglieder enthusiastisch teilnehmen (jeder beteiligt sich an den Liedern und Gebeten) und andere sich sehr positiv äußern über das, was stattfindet. Auf diesem Wege zahlt jedes Mitglied die Kosten der Mitgliedschaft und jeder hat Vorteile von der höheren Qualität bei der Produktion kollektiver Güter.`

 

Wenn hier von `Kosten` gesprochen wird, handelt es sich dabei nicht unbedingt um Geld, sondern viel mehr um Zeit, Energie und Hingabe.Und wenn von höherer Qualität der kollektiven Güter die Rede ist, wird damit die gemeinsame spirituelle Erfahrung gemeint. Wenn alle geben, sich stark involvieren, dann erhalten auch alle wieder mehr davon. Daher sind hohe Anforderungen an die Mitglieder einer Gemeinde etwas sehr essentielles. Oder anders ausgedrückt: Religionen die um nichts bitten, bekommen auch nichts! 

 

Besser ein Mond als viele Sterne

Zum Abschluss noch zwei Zitate, welche zeigen, wie wichtig es Srila Prabhupada war Qualität vor Quantität zu stellen: „Wir haben nicht sehr viele Anhänger, weil wir mit all den Halunken nicht einverstanden sind.“ 10 „Die kleine Anzahl von Devotees, die wir haben, zu Krishna bewussten Jungen und Mädchen zu machen, ist besser, als viele Anhänger zu bekommen, welche die wirklichen Prinzipien nicht verstehen und ausüben. Besser ein Mond statt viele Sterne!„ 11

 

In der nächsten Ausgabe folgen These 4 und 5 mit den Titeln: Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie  4. legitime Führer mit angemessener Autorität haben, um effektiv zu sein;  5. sie einen hoch motivierten, freiwilligen Arbeitseinsatz mobilisieren können, einschließlich vieler Mitglieder, die bereit sind zur Bekehrungsarbeit.

 

 

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1- Dr. R.Stark`s Statement zu These 2 

2 - SB 12.2.1-3

3 - Caitanya Bhagavata, Antya-khanda 4.126

4 - SP Brief an Govinda Maharaja, 22.September 1970

5 - SB 1.3.24 purport

6 - Vorlesung SB 2.3.19, Los Angeles, 15.Juni 1972

7 - Brief an Niranjana, 5.Januar 1972 

8 - Brief an Bali-maradana, 28.Dezember 1971

9 - Vorlesung SB 2.3.2-3, Los Angeles, 20.Mai 1972

10 - Gespräch, Bombay 18.September 1973 

11 - Brief an Damodar, 9. Mai 1972 

 

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Warum religiöse Bewegungen erfolgeich sind oder fehlschlagen - Teil 3/5

 

Im dritten Teil dieser Artikelreihe erörtern wir die Thesen vier und und fünf zu dem Themen Autorität und freiwillige Arbeitskraft. 

 

4. legitime Führer

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie legitime Führer mit angemessener Autorität haben, um effektiv zu sein.

 

Ein legitimer Führer ist jemand der eine rechtmässige, gerechtfertigte Autorität besitzt und  

angemessen bedeutet hier, dass die Autorität auch genügend Einfluss ausüben kann um effektiv zu sein. Dies wiederum hängt von zwei weiteren Faktoren ab, weshalb diese These zwei Unterkategorien besitzt.

 

4.a Legitime Autorität erfordert eine klare lehrmäßige Begründung für eine effektive und berechtigte Leiterschaft. 

 

Es benötigt also eine klare traditionelle oder historische Begründung, weshalb jemand als Autorität akzeptiert wird oder nicht. In der Bibel zB steht nirgends, dass der Bischof von Rom die Führung der ganzen katholischen Kirche übernehmen soll, aber da dies schon seit 2000 Jahren so gehandhabt wird, zweifelt dies niemand an. In der ISKCON hat Srila Prabhupada den GBC gegründet und betont, dass dieses Gremium die Führung der Gesellschaft weitertführen wird. Somit besitzt der GBC eine klare lehrmässige Begründung und somit eine berechtigte Leiterschaft. 

 

Krishna - die höchste Autorität 

 

Wenn man den Begriff Autorität etwas genauer betrachtet, stellt man fest, dass es grundsätzlich zwei Hauptbedeutungen gibt. Eine Autorität besitzt folgende Aspekte:  

 

1- Die Kraft Anweisungen zu geben, Entscheidungen zu treffen, Gesetze zu erlassen, das Recht zu kontrollieren, zu urteilen oder die Handlungen von andern zu verbieten. Eine Autorität ist also ein Führer, welcher Entscheidungen trifft. Die zweite Definition ist etwas anders: 2 - Eine akzeptierte Quelle von fachlichen Informationen oder Ratschlägen, ein Experte in einem Thema, dessen Sichtweise als definitiv anerkannt wird. In dieser zweiten Definition ist jemand eine Autorität, welcher ein Experte auf einem gewissen Gebiet geworden ist und daher eine wertvolle Quelle von Wissen und Informationen darstellt. In Krishna finden wir beide Aspekte in vollem Ausmass, was Ihn zur höchsten Autorität macht! 

 

“Krsna ist sarva-lokaika-nayakah, der Meister aller Lebewesen und Planeten, materiell und spirituell. Nayaka bedeutet ‚Führer’. “ 1 „Er bleibt für immer der absolute Autokrat, der Meister aller Energien, die höchste Persönlichkeit Gottes.“ 2 

 

Autoritäten in dieser Welt repräsentieren den höchsten Herrn, vor allem die Monarchen der vedischen Zeit. Aber auch in einer religiösen Bewegung benötigt es gewisse Hierarchien um den Erhalt und die Weiterführung der Richtlinien und Werte der Gemeinde aufrecht zu erhalten. Srila Prabhupada hatte seine Schüler in Führungspositionen immer sehr in Schutz genommen und ihnen grosses Vertrauen geschenkt und das gleiche erwartete er von seinen Schülern: 

 

„Bitte befolgt die Richtlinien der verantwortlichen Person des Zentrums. Dort wo ein Mangel an Gehorsamkeit ist, herrscht keine Disziplin, und ohne Disziplin können wir keine  grosse, weltweite Organisation managen!“ 3 „Jayananda ist ein sehr ernsthafter und intelligenter Junge und ich bin der Meinung, dass seine Entscheidungen in diesem Zusammenhang als letztendlich betrachtet werden sollten. Nicht nur in diesem Fall, aber in jedem anderen komplizierten Fall. Die ernannte Autorität im Management eines Tempels sollte die schlussendlich Autorität in all diesen Angelegenheiten sein. Ansonsten kann diese Gesellschaft nicht gemanagt werden“ 4 

 

ISKCON Autorität - Du musst eine Vaishnava sein! 

 

Doch was ist die Beziehung zwischen einer ISKCON Autorität und der Gemeinde? Wir haben gesehen, wie Srila Prabhupada eine starke Gehorsamkeit gegenüber der lokalen ISKCON Autorität verlangt. Doch heutzutage leben die Mehrheit der Mitglieder nicht im Tempel, sondern sind Teil einer grösseren Gemeinde, welche nicht direkt dem Tempel untersteht. Ein Krishnabewusste Familie zum Beispiel gestaltet ihr materielles und spirituelles Leben unabhängig von der ISKCON Autorität. Sie entscheidet selber, welchen Tempel sie besucht, mit welchen Devotees sie Gemeinschaft hat und respektieren jene Autoritätspersonen, zu welcher ein gewisses Vertrauen entwickelt wurde. 

 

Daher ist der entscheidende Faktor nicht die von der Institution gegebene Macht, oder das angehäufte Fachwissen, sondern viel mehr, wie weit ein Leader eine authentische und vertrauenswürdige Persönlichkeit ist. Srila Prabhupada sagte diesbezüglich: 

 

„Du musst ein Vaishnava sein. Weshalb sollten dir andere ansonsten Respekt erweisen? 

Respekt kann nicht verlangt werden. Es muss entgegengebracht werden. Das bedeutet, dass du dich so rein halten musst, ein wunderbarer Vaishnava, Goswami… dann werden dir die Leute Respekt erweisen.  5  

 

Srila Prabhupada selber war so eine aussergewöhnliche Persönlichkeit, dass junge Menschen ihn ganz natürlich als Autorität angenommen haben. Speziell zu jener Zeit, in den 60er Jahren, galt unter den Hippies das Motto: `Traue niemandem über 30`. Doch die gleichen Hippies waren plötzlich bereit ihr ganzes Leben einem 70-jährigen, fremden indischen Guru hinzugeben. Weshalb? Weil sie in Srila Prabhupada einen echten Leader fanden. 

 

Eine formelle Autorität, wie ein Titel, eine Position, wie sie in einer Institution verleiht wird; das macht jemandem zum Boss in der gegeben Situation. Doch moralische Autorität oder Vertrauen wird einem gegeben durch die Menschen die man anführt; und man muss sich diese erst verdienen. 

 

„Ich bin ein Inder, ein armer Mann. Wieso rennen sie mir nach?… Ich hab sie nicht bestochen!“  6 „…Wie in unserer Gesellschaft, wir sind nicht perfekt. Dennoch, ihr Jungen und Mädchen, ihr liebt mich. Was immer ich sage, sofort wird es ausgeführt.“  7 

 

4.b Autorität wird als berechtigt betrachtet und gewinnt an Effektivität in dem Maße, wie Mitglieder sich selbst als Teilhaber an dem System der Autorität verstehen.

 

Srila Prabhupada hatte einen starken Wunsch seine Schüler zu bevollmächtigen selber grossartige Gottgeweihte zu werden und somit einen Teil der Verantwortung zu tragen. 

 

„Caitanya Mahaprabhu hat jeden gebeten Guru zu werden. Jeden. Weil es Gurus benötigt. Die Welt ist voller Halunken, deshalb benötigt es so viele Gurus um sie zu unterweisen…So jeder von euch, ihr alle könnt Guru werden. Es ist nicht so, dass ich eine aussergewöhnliche Person bin, ein aussergewöhnlicher Gott, welcher von einem geheimnisvollen Ort kam“ 8 „ Jemand mag nach materieller Hinsicht der grösste Halunke sein, doch wenn er einfach streng Caitanya Mahaprabhu oder seinem repräsentativen spirituellen Meister folgt, dann wird er ein Guru… So ich hoffe, dass alle von euch, Männer, Frauen, Jungen und Mädchen, spirituelle Meister werdet.“  9 

 

Eine religiöse Bewegung ist also in dem Mass erfolgreich, wie sie eine gesunde Form von Leadership entwickelt hat. In der ISKCN gab es in diesem Bereich, vor allem nach Srila Prabhupadas Verscheiden, sicherlich viele Schwierigkeiten. Doch um so mehr sich ISKCONs Autoritäten als aufrichtige Diener verstehen und unserer Beziehungen zu ihnen auf der Grundlage von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung beruhen, umso kraftvoller können sich unsere Gemeinden weiterentwickeln. 

 

Schauen wir uns als nächstes These 5 genauer an: 

 

5. Religiöse Bewegungen werden in dem Maße wachsen, wie sie einen hoch motivierten, freiwilligen Arbeitseinsatz organisieren können, einschließlich vieler, die zur Bekehrungsarbeit bereit sind.

 

Die Vorteile von hoch motivierten, freiwilligen Arbeitskräften und freiwilliger Missionsarbeit liegen auf der Hand. Eine Gemeinschaft, die motivierte, aktive Mitglieder hat, welche bereit sind ihre Zeit und Energie in die Gemeinschaft einfliessen zu lassen, ohne etwas dafür zu erwarten, kreiert eine sehr kraftvolle und inspirierende Atmosphäre. Dort wo jeder bezahlt wird und niemand mehr etwas tut, ohne dafür entlöhnt zu werden, geht der ursprüngliche `Spirit` von reinem hingebungsvollen Dienst verloren. Vor allem in den Pionierzeiten war es diese Stimmung der selbstlosen Hingabe, welche der ISKCON zu dem schnelle Wachstum verhalf. Srila Prabhuadas frühe Schüler zeigten unglaubliche Hingabe und waren bereit, alles für ihren spirituellen Meister zu tun, ohne etwas zu erwarten. „Sie haben keine Ansprüche. Dies Jungen arbeiten so hart. Sie beten mich nicht um einen einzigen paisa (Geld - indische Währung ähnlich wie Rappen. ) Es ist mir nicht möglich, diese Ausländer für ihre Arbeit zu bezahlen, das ist mir nicht möglich.“  10  Diese freiwillige Arbeitskraft bezieht sich auch aufs anwerben neuer Mitglieder.

 

Bekehrungsarbeit oder Krishna Bewusstsein teilen

 

Missionieren, Predigen oder Bekehrungsarbeit sind heute nicht sehr populäre Worte. Wer will schon einer missionarischen Bewegung angehören? Wir sind doch keine Sekte! Und viele der Predigeraktivitäten der ISKCON, oder besser gesagt die Art und Weise wie man in den 80er und 90er Jahren teilweise auf die Leute zugegangen ist, wurde oft als missionarisch empfunden. Heute spricht man mehr von `Out Reach` vom `Teilen des Krishna Bewusstsein`. Wir verstehen, dass jeder einen freien Willen besitzt, das wir nur eine von vielen spirituellen Bewegungen sind, die ihren bescheidenen Beitrag leisten den Menschen zu helfen ihr Bewusstsein zu erheben. 

 

Das Verbreiten des Krishna Bewussteins hat in den letzten Jahren auch viele neue Formen angenommen, wie zB das Teilen des Krishna Bewussteins durch Kirtanas in Yoga Kreisen oder durch Social media wie Facebook.  Aber ganz unabhängig davon, ob man sich den klassischen Formen des Verbreitens wie Buchverteilung und Harinam widmet oder neueren indirekteren Formen des Predigens, eines ist klar: Preaching is the essence - Das Teilen des Krishna Bewusstseins mit anderen ist die Essenz unserer Sankirtana Bewegung.

 

Starks bestätigt mit seiner These, dass eine gewisse Ausrichtung auf die Verbreitung der Lehre notwenig ist, um als religiöse Bewegung voran zu kommen. Wer sich in der Öffentlichkeit zeigt, präsent ist, findet auch neue Mitglieder und neue Mitglieder wiederum helfen der Bewegung, die Mission weiter zu führen. 

 

In seiner Arbeit bezieht sich Dr. Starks auf zwei christliche Gemeinden, welche erstaunliche Erfolge in diesem Zusammenhang erreicht haben. Die Zeugen Jehovas und die Mormonen. Obwohl diese beiden Gemeinschaften umstritten sein mögen und wir sicherlich in vielen Aspekten unserer Philosophie und Lebensweise unterschiedliche Ansichten vertreten, ist es dennoch interessant zu sehen, wie stark sich deren Mitglieder in der gemeinsamen Mission engagieren. 

 

Von Tür zu Tür 

 

`Bücher sind die Grundlage` pflegte Srila Prabhupada zu sagen. Jede religiöse Gemeinschaft, welche ihre Botschaft verbreiten will, ist sich der Notwendigkeit bewusst Literatur zu verteilen. 

 

Laut Wipikedia ist das von Zeugen Jehovas veröffentlichte Magazin `Der Wachturm` das am meisten verbreitete Magazin der Welt, mit einer durchschnittlichen Auflage von 53 Millionen Kopien pro Monat. Und als ob das nicht schon genug erstaunlich wäre; das zweit meist verbreitete Heft in der Welt ist `Erwachet!` ebenfalls von Zeugen Jehovas, mit einer durchschnittlichen Auflage von nicht weniger als 51 Millionen Kopien pro Monat. Beide Magazine sind in 103 verschiedenen Sprachen erhältlich. Das ergibt über hundert Millionen Zeugen Jehovas Hefte pro Monat!! Die Zeugen Jehovas haben weltweit rund 8 Millionen Mitglieder, die aktiv neue Mitglieder anwerben. Ein Zeuge Jehovas zu sein bedeutet in der Mission aktiv mitzuwirken.Dies ist die freiwillige Arbeitskraft, von welcher Dr. Starks spricht. 

 

Die andere Gruppe, die Dr. Starks erwähnt sind die Mormonen oder `Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage` wie sie ich selber nennen. Auch sie sind bekannt für eine sehr gut organisierte Prediger Mission. Jedes Mitglied verbringt eine gewisse Zeit `auf Mission`. Für gewöhnlich wird für ca 2 Jahre in der Mission gedient, oft im Ausland. Viele Missionare lernen sogar eine neue Sprache im `Missionary Training Centre`, bevor sie in ein fremdes Land ausreisen, um dort zu predigen. In Zusammenarbeit mit den lokalen Mormonen waren so zb im Jahr 2012 über 80`000 Missionare im Einsatz und konnten 27230 neue Mitglieder gewinnen. Es ist auch interessant, wie genau die Mormonen über ihre Mitgliederzahlen Bescheid wissen: Die Kirche veröffentlichen am 31.Dezember 2014 ein Protokoll mit der Angabe 15`372`337 Mitglieder zu haben..!

 

Doch noch einmal zurück zur ISKCON: Wie stehen wir zum Predigen? In der offiziellen Broschüre `ISKCON und andere Religionen` wird das Verständnis von Mission in der ISKCON sehr schön beschrieben: 

 

1969 stellte Srila Prabhupada in einem öffentlichen Vortrag fest:“Alle sollten den Traditionen und regulierenden Prinzipien der eigenen Religion folgen. Dies ist erforderlich, genau wie es verschiedene politische Parteien gibt, von denen jede die Aufgabe hat, dem Land zu dienen“ Verschiedenheit ist also willkommen, soll jedoch nicht so weit gehen, dass die Gemeinsamkeit übersehen wird. Religionen sollen nicht verschmelzen, können aber respektvolle und vielseitige Beziehungen zueinander entwickeln. In diesem Sinne kann es nicht ISKCONs Absicht sein, Angehörige anderen Glaubens zu bekehren. Hingegen sieht es ISKCON sehr wohl als ihre Mission an, jede ernsthafte Seele willkommen zu heissen, die nach spiritueller Verwirklichung strebt. Vaishnavas wollen ihren Glauben verbreiten, doch diese Praxis ist nicht von Ausschliesslichkeitsdenken geprägt. Aus der Sicht des Gaudiya-Vaishnavatums geht es nicht um Bekehrung, sondern um spirituelle Entwicklung. 

 

Ich glaube in diesem Verständnis sind wir alle inspiriert, andern das Krishna Bewusstsein näherzubringen. Ein Gottgeweither empfindet ein natürliches Bedürfnis, die Schätze des Krishna Bewusstseins mit andern zu teilen. Srila Prabhupadas sagte mal über seine Schüler:  

 

„ Jedes Mitglied der Krishna Bewussten Bewegung ist daran interessiert von Tür zu Tür zu gehen, um die Menschen von den Lehren der Bhagavad Gita wie sie ist und den Unterweisungen von Sri Caitanya zu überzeugen..!“  11

 

Wie sieht das in unserer Gemeinde aus? Wie weit sind wir uns bewusst, dass wir eine Mission haben? Dass Sri Caitana Mahaprabhu von uns erwartet, dass wir seine Mission weiterführen? Wie weit sind wir bereit die Botschaft Caitanyas an andere weiterzugeben? - Fragen die wir uns als Mitglieder der ISKCON stellen sollten.

 

Zusammengefasst: Authentische, vertrauenswürdige Leaders und eine enthusiastische Gemeinde, welche bereit ist, ihre Zeit und Energie in den Dienst der Mission zu stellen sind, laut der These 4 und 5 also weitere Erfolgsfaktoren für eine religiöse Bewegung, welche über eine längere Zeit bestehen will.  

 

In der nächsten Ausgabe folgen These 6 und 7 mit den Titeln: Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie 6. eine Geburtenzahl sicherstellen, die ausreicht, um wenigstens die Sterblichkeitsrate auszugleichen und 7. mit schwachen alteingesessenen religiösen Organisationen innerhalb eines relativ unregulierten religiösen Marktes konkurrieren. 

 

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1 – Sri Caitanya-caritamrita, Adi-lila 7.128, purport

2 – Renunciation Through Wisdom, 4.1

3 – Letter to Gargamuni, Mahamsa, Naranaraya, Giriraja, 19 June 1972

4 – Letter to Gargamuni, 11 January 1968

5 – Lecture on Srimad-Bhagavatam 2.1.2, Vrindavana, 17 March 1974

6 – Interview, New York, 5 March 1975

7 – Lecture on Srimad-Bhagavatam 2.8.7, Los Angeles, 10 February 1975

8 – Sri Vyasa-puja lecture, Hyderabad, 19 August 1976

9 – Sri Vyasa-puja lecture, London, 22 August 1973 

10 – Meeting With Member of Parliament, Mr. Krishna Modi, Delhi, 31 August 1976

11 – Srimad-Bhagavatam SB 7.9.44, purport

 

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Warum religiöse Bewegungen erfolgreich sind oder fehlschlagen - Teil 4/5 

 

Bisher haben wir vom Religionssoziologe Dr. Rotney Starks erfahren, dass neue religiöse Bewegungen in dem Mass erfolgreich sind, wie sie,: 1. kulturelle Kontinuität mit den konventionellen Glaubenssystemen der Gesellschaften beibehalten; 2. ihre Lehren nicht-empirisch sind; 3. sie einen mittleren Grad von Spannung mit ihrer Umgebung halten; 4. sie legitime Führer mit angemessener Autorität haben und 5. sie einen hoch motivierten, freiwilligen Arbeitseinsatz mobilisieren können. Der vierte Teil dieser soziologischen Analyse konzentriert sich auf These 6 Geburtenzahl sicherstellen und These 7 Konkurrieren innerhalb eines schwachen religiösen ‚Marktes‘ .  

 

Wie wir in These 5 gehört haben, konzentriert sich der freiwillige Arbeitseinsatz der Mitglieder auch auf das Anwerben neuer Mitglieder. Doch es gibt durchaus auch religiöse Bewegungen, die eine gossen Wachstum zu verzeichnen haben, ohne dass sie irgendwelchen Prediger Aktivitäten nach gehen. Wie ist das Möglich? Ganz einfach - sie haben viele Babys! 

 

6. Geburtenzahl sicherstellen

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie eine Geburtenzahl sicherstellen, die ausreicht, um wenigstens die Sterblichkeitsrate auszugleichen. 

 

Eine religiöse Bewegung mit vielen jungen Familien, die eine grosse Anzahl Kinder zeugen, können so auf ganz natürliche Weise einen grossen Wachstum ihrer Gemeinde verzeichnen - vorausgesetzt der Gemeinschaft gelingt es, die jungen Mitglieder entsprechend zu sozialisieren. 

 

Ein parade Beispiel für diese These ist die Gemeinschaft der Amischen.1 Von Wipikedia erfahren wir: ‚Von 1992 bis 2008 betrug das Bevölkerungswachstum unter den Amish in Nordamerika 84 Prozent (3,6 Prozent pro Jahr). Während dieser Zeit errichteten sie 184 neue Siedlungen und zogen in sechs neue Staaten. . . Die Amish gehören zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerung der Welt mit durchschnittlich sieben Kindern pro Familie.‘

 

Das ‚Pew Research Centre‘ aus Washington, USA machte folgende Beobachtungen: 

In der Zeit von 1950 bis 1955 wurde erwartet, dass die durchschnittliche Frau im Laufe ihres Lebens etwa fünf Kinder hatte. Von 2010-2015 betrug der globale Durchschnitt etwa 2,5 Kinder pro Frau. . . Unter den bedeutendsten religiösen Gruppen der Welt haben Muslime, mit einem globalen Durchschnitt von 3,1 Kindern pro Frau, die höchste Gesamtfruchtbarkeitsrate. 

 

Wie die Studie zeigt, bezieht sich dies vor allem auf Muslime in Afrika, wo der Wachstum der Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten enorm zunehmend wird. Während sich in den meisten Kontinenten die Sterbe und Geburtsraten die Waage hält, kann man in Afrika mit einer Vervierfachung der Bevölkerung rechnen. Was auch bedeutet, dass muslimische Religionsgemeinschaften in der nahen Zukunft einen enorm grösseren Einfluss auf unser Gesellschaft einüben werden.  

Hunderte von Kindern

 

Was meint Srila Prabhupada zu diesem Thema? 

Srila Prabhupada: So viele Kinder kommen, sehr glückliche Kinder. . . Alle diese Kinder sollten sehr gut versorgt werden. Oh ja. Sie werden für unsere Bewegung sehr wertvoll sein.

Tamala Krishna: Zukünftige Hoffnung.

Prabhupada: Oh, ja. Deshalb wollte ich die Gurukula sehr gut organisieren. Wir haben nichts dagegen. Lasst sie Hunderte von Kindern zeugen.

Tamala Krishna: Du hast gesagt, dass dein Guru Maharaja sagte ...

Prabhupada: "Wenn ich Krsna bewusste Kinder zeugen könnte, bin ich bereit, hunderte von Kindern zu zeugen". . . Möge es Schwangerschaft geben, aber Krishna bewusste. 2

 

"Ich kann Ihnen versichern, dass alle unsere Kinder, welche von Krishna-bewussten Eltern geboren sind,  sehr willkommen sind und ich will hunderte von solchen Kindern. Denn in Zukunft werden sie das Gesicht der ganzen Welt zu verändern. „ 3

 

Von diesen Worten Srila Prabhupada könne wir verstehen, dass er in seiner Sichtweise  vom Verbreiten des Krishna Bewusstsein auf der ganzen Welt nicht nur an missionarische Tätigkeiten gedacht hat, sondern das Familien ein wichtiger Aspekt seiner Vision waren.  

 

In der ISKCON sprechen wir nicht oft darüber wer Kinder hat und wieviele Kinder und so weiter. Woran liegt dass? Erstens leben viele von unseren Lehrer im Lebensstand der Entsagung, somit haben sie keinen Bezug zu diesem Thema, zudem waren wir als Gemeinschaft nicht allzu erfolgreich unsere junge Generation zu sozialisieren. Dennoch sind gesunde Familien im Krishna Bewusstsein enorm wichtig für die weitere Entwicklung der ISKCON.  

 

These 7: Konkurrieren innerhalb eines schwachen religiösen `Marktes`  

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie mit schwachen alteingesessenen religiösen Organisationen innerhalb eines relativ unregulierten religiösen Marktes konkurrieren. 

 

Neue religiöse Bewegungen stossen natürlicher Weise auf eine gewisse Konkurrenz. Wenn sie mit Institutionen konkurrieren, welche eher schwach sind schafft das günstige Umstände für eine neue Bewegung. Unreguliert bedeutet hier in diesem Zusammenhang ‚frei, ohne Einschränkungen‘. In Ländern wo keine Religionsfreiheit herrscht und die Staatsreligion keine anderen Religionen toleriert sind die Umstände natürlich sehr ungünstig. 

 

In anderen Worten: An einem Ort wo Menschen nicht aktiv einer religions Gemeinschaft zugehörig sind und wo die etablierten Religionen viele Mitglieder verlieren, steigt die Chance für eine neue religiöse Bewegung sich zu etablieren. 

 

Günstige Umstände

 

In der folgenden Erläuterung nimmt Srila Prabhupada Bezug zum Thema ‚Predigen unter günstigen Umständen‘:

 

„Zu dieser Zeit gab es viele smartas in Navadvipa. . . Die Anhänger der smrti-sastra heißen smartas. Caitanya Mahaprabhu versuchte nicht sie zu bekehren . . Daraus ist zu verstehen, dass ein Devotee wirklich daran interessiert ist in einer günstigen Situation zu predigen. Wenn die Kandidaten für die Bekehrung zu gestört sind, kann ein Prediger nicht versuchen das Krsna-Bewusstsein unter ihnen zu verbreiten. Es ist besser dorthin zu gehen, wo die Situation günstiger ist.“ 4 

 

Dem Beispiel Sri Caitanya Mahaprabhu folgend kam Srila Prabhupada in den Westen, nachdem er in Indien auf nicht allzu viel Interesse gestossen ist. 

 

„Diese Bewegung für Krishna-Bewusstsein wurde zuerst in Indien begonnen, aber die Leute von Indien, die in politische Gedanken versunken waren, nahmen es nicht an… Daher zogen wir es vor, in den Westen zu kommen.“ 5

 

Schwache Konkurrenz  

 

Was traf Srila Prabhupada im Westen vor? Junge Menschen, welche sich in vielen Fällen nicht mehr so stark zu ihrer ursprünglichen Religion zugehörig fühlten und nach neuen spirituellen Erfahrungen suchten. 

‚Die Kirche von England hat in den letzten zwei Jahren fast zwei Millionen Anhänger verloren und ist am Rande des ‚Aussterbens‘, es ist alarmierend!‘ So hiess eine Schlagzeile in der Zeitung ‚The Independent‘ vom Juni 2015. Tatsächlich schliesst die englische Kirche rund 20 Kirchen pro Jahr. Die Römisch-katholische Kirche in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten rund 515 Kirchen geschlossen und in Holland wird erwartet, dass innerhalb der nächsten Jahrzehnte rund dreiviertel der 1600 röm.kath. Kirchen geschlossen werden. Rund 700 reformierte Kirchen sollen bereits in den nächsten vier Jahren schliessen. Was passiert mit den Kirchen? Wo für hunderte von Jahren gebetet wurde, Menschen Hoffnung schöpften und die Verbindung mit Gott suchten, ist heute ein Skateboardpark, wo Teenager ihre neusten Tricks vorführen, oder eine Zirkusausbildungsschule wo Artisten ihre Kunststück einüben, ein Bekleidungsladen wo Modedesigner ihre neusten Werke verkaufen oder eine Frankenstein Themenbar wo Bier und Whiskey fliessen…!   

 

Dieser Trend ist tatsächlich erschreckend, nicht nur für die Christen sondern für jeden religiös gesinnten Menschen. Srila Prabhupada fiel diese Entwicklung bereits in den 70er Jahren auf:  "Ich habe London gesehen. Hunderte von Kirchen sind geschlossen. „ 6  

"So Leute, entweder Christ oder Jude oder Muhamedaner oder Hindus,  früher waren sie religiös und nach ihrem Glauben bauten sie entweder Synagoge oder Kirche oder Moschee oder Tempel auf der ganzen Welt. Jetzt haben sie ihr Interesse verloren. „ 7  

 

In einer Umfrage der ‚Barna Group‘ wurden Kirchgänger darüber befrag weshalb sie zur Kirche gehen:

 

"Warum wir zur Kirche gehen: 1. Um näher zu Gott zu sein (44%). 2. Um über Gott zu lernen (27%). 3. Um mit anderen Gläubigen Gemeinschaft zu pflegen (22%). Darum gehen wir, aber ist das, was tatsächlich passiert, wenn wir teilnehmen? Nicht gemäss der Forschung. Weit davon entfernt. Was passiert  wirklich, wenn wir zur Kirche gehen? Nicht viel! Laut der Meldung. Über 80% der Kirchengänger fühlen sich nicht nah zu Gott. Von den fast zwei Dritteln der Menschen, die die Kirche besuchen, um mehr über Gott zu erfahren, sagen nur 6%, dass sie etwas über Gott oder Jesus gelernt haben, als sie diese das letzte Mal besuchten.„

 

Interessant ist, dass die meisten Menschen, welche die Kirche verlassen, grundsätzlich Interesse an Spiritualität haben und an Gott glauben. Zwei drittel aller kirchenloser Amerikaner bezeichnen sich selber als spirituell.

 

Dr. Rotney Starks fasst seine 7. These mit den folgen Worten zusammen:  „ Es sollte feststellt werden, dass dort wo die konventionelle Kirchenmitgliedschaft und die Kirchenbesuchssätze niedrig sind, die Möglichkeiten für neuer religiöser Bewegungen hoch sein werden. . .Die Konvertiten in religiöse Gruppen werden vor allem aus den Reihen der religiös inaktiven kommen.` 

 

Es liegt an echtem Wissen

 

Auf die Frage, weshalb die gleichen jungen Menschen, welche die Kirche verlassen haben, sich nun der Bewegung für Krishna Bewusstsein zuwenden (in machen Fällen hatte die ISKCON sogar Kirchen erworben und diese in Krishna Tempel umgewandelt),  hatte Srila Prabhupada folgendermaßen geantwortet: 

 

"Es gibt so viele Kirchen. Jetzt werden sie geschlossen. Diese Kirche, das war eine Kirche. Es gab keinen Kunden. Und jetzt ist die Kirche wieder gefüllt - Warum? Die gleiche Kirche, die gleichen Männer, der gleiche Ort - Es liegt an echtem Wissen." 8

 

"Diese Krsna-Bewusstseinsbewegung ist keine sektiererische Religion. Sie akzeptiert das Christentum - sehr gut. Sie akzeptiert Islamismus - sehr gut. Du akzeptierst Hinduismus - das ist alles in Ordnung. Wir haben keinen Streit mit Hindus und Muslimen oder Christen oder Buddhisten. Aber unser Ziel ist, das Religion eine Verbindung herstellen kann, das es eine Beziehung zu Gott gibt. " 9

 

Srila Prabhupadas Anliegen war nicht Menschen zu bekehren und sie zum Wechsel von der einen zur anderen Religion zu überzeugen. Nein, es ging ihm nur darum den Menschen Gottesbewusstsein näherzubringen. Ein Grund für die schnelle Verbreitung des Krishna Bewusstseins in den Anfangszeiten war aber bestimmt auch die Tatsache, dass viele junge Menschen von ihrer Herkunftsreligion enttäuscht waren und neue Formen der Spiritualität suchten. 

 

Damit enden die Erläuterungen von These sechs und sieben. In der nächsten und damit letzten Ausgabe dieser Reihe von Artikeln werden wir uns die Thesen 8 bis 10 genauer anschauen: 

 

Unter sonst gleichen Bedingungen werden religiöse Bewegungen in dem Maße erfolgreich sein, wie 8. sie starke interne Beziehungen unterhalten, während sie gleichzeitig ein offenes soziales Netzwerk bleiben, das in der Lage ist, Verbindungen zu Menschen außerhalb aufrechtzuerhalten und neu zu knüpfen; 9. sie dauerhaft eine ausreichend Spannung zu ihrer Umgebung aufrechterhalten, ausreichend strikt bleiben; 10. sie die Jugend ausreichend gut sozialisieren, um sowohl Austritt als auch die Forderung nach reduzierter Strenge zu minimieren.

 

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1- Die Amischen (englisch Amish) sind eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft in der USA. Sie haben ihre Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung Mitteleuropas, vor allem der Schweiz und Süddeutschlands.

2 - Morgenspaziergang, New York, 13. Juli 1976

3 - Brief an Krsna Devi, 21. August 1968

4, 5 - Sri Caitanya-caritamrita, Madhya-lila 7.109, Erläuterung

6 - Gespräch, Mayapur, 18. Februar 1977

7 - Vortrag über Srimad-Bhagavatam 1.5.15, New Vrindaban, 19. Juni 1969

8 - Vortrag über Srimad-Bhagavatam 6.1.42, Los Angeles, 23. Juli 1975

9 - Vortrag über Srimad-Bhagavatam 2.2.5, Los Angeles, 2. Dezember 1968

Warum religiöse Bewegungen erfolgreich sind oder fehlschlagen - Teil 5/5 

Der letzte Teil dieser Serie setzt sich mit den Thesen 8-10 auseinander, welche interne Beziehungen und offenes soziales Netzwerk, Spannung zur Umgebung und Striktheit und das Sozialisieren der Jugend zum Thema haben.

 

8. Starke interne Beziehungen und gleichzeitig offenes soziales Netzwerk 

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie starke interne Beziehungen unterhalten, während sie gleichzeitig ein offenes soziales Netzwerk bleiben, das in der Lage ist, Verbindungen zu Menschen außerhalb aufrechtzuerhalten und neu zu knüpfen

 

Diese These besteht aus zwei Hauptaussagen. Einerseits sollen die Mitgliedern einer Gemeinschaft sehr starke, enge freundschaftliche Beziehungen untereinander besitzen, so dass soziale und emotionale Bedürfnisse gedeckt werden. Gleichzeitig sollte die Gemeinschaft aber auch sehr offen gegen Aussen bleiben und gute Beziehung zu Familie, Freunden und Bekannten beibehalten. 

 

Starke interne Beziehungen

 

In seinem `Nektar der Unterweisung` beschreibt Srila Rupa Goswami, welche Elemente einen liebevollen Austausch unter Gottgeweihten ausmacht: “Gaben verschenken, Gaben annehmen, sich vertraulich mitteilen, vertrauliche Fragen stellen, Prasada annehmen und Prasada anbieten sind die sechs Merkmale der Liebe zwischen Gottgeweihten.“ 1 Srila Prabhupada betont dann in seiner Erläuterung, wie wichtig dieser Austausch für uns ist: „Die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewußtsein wurde gegründet, um diese sechs Arten liebevollen Austausches zwischen Gottgeweihten zu ermöglichen…Das Leben der Krishna-bewußten Gesellschaft wird durch diese sechs Arten liebevollen Austausches zwischen den Mitgliedern genährt.“ 

 

Wenn jemand die Bewegung für Krishna Bewusstsein oder die Praxis vom hingebungsvollen Dienst verlässt, ist es in der Regel nicht weil die Person eine höhere Philosophie gefunden hat. Oft liegt es an einem Mangel von sozialen Bindungen, dass keine wirklich tiefgreifende Freundschaften entwickelt wurden, dass man niemanden hatte, mit dem sich austauschen konnte. Andere fühlen sich ausgenutzt, nicht genug wertgeschätzt. Wir können also verstehen, wie wichtig diese Praxis des liebevollen Austausches ist. Auch Besucher, Gäste und Suchende, die unsere Tempel und Gemeinden besuchen, werden sehen, wie wir miteinander umgehen. Sie werden sich fragen, ob dies eine Gemeinde ist in welcher sie leben wollen. Wenn Streitereien, Kritisieren und schlecht übereinander Reden vorherrschen, werden neue Besucher nicht angezogen sein. 

 

Srila Prabhupada sagte in dem Zusammenhang : „Wenn ihr nicht zusammen arbeiten könnt, wird meine Arbeit gestoppt. Unsere Gesellschaft ist wie eine große Familie und unsere Beziehungen sollten auf Liebe und Vertrauen basieren.“ 2

 

Auch Bhakti Tirtha Swami war stark bemüht, eine ideale Gemeinschaft zu fördern und gab uns folgende Formel unter dem Titel : `Four Principles of Community Building`:  

 

1) Behandle jeden, dem du begegnest, als ob der Erfolg deines spirituellen Lebens von der Qualität deiner Interaktion mit ihnen abhängt. 

2) Reflektiere über die Person, die du am meisten liebst, und sei bestrebt, jeden mit der gleichen Qualität der Liebe zu behandeln.

3) Sieh alle Konflikte zuerst als deine eigenen Fehler an. Sieh Konflikte als Chance für Wachstum, zur Klärung von Wahrnehmungen und zur Schaffung von Synergien.

4) Erkenne, dass die Menschen in deiner gegenwärtigen Umgebung sehr wohl die Menschen sein können, mit denen du den Rest deines Leben verbringen wirst und die zum Zeitpunkt des Todes bei dir sein werden.3

 

Stellt euch vor wie wunderbar eine Gemeinde sein könnte, wenn alle diese vier Punkte praktiziert würden! Eine Atmosphäre voller Liebe und Vertrauen - inspirierend für uns  und unglaublich anziehend für andere.

 

Offenes soziales Netzwerk 

 

Eine gesunde, funktionierende spirituelle Gemeinschaft wirkt auf Aussenstehende sehr anziehend, denn jeder sucht im Grunde nach tiefen sozialen Beziehungen. Professor Sean Everton aus Kalifornien macht in seinem Blog `God, Politics and Baseball` eine interessante Aussage im Zusammenhang dieses Themas: „Ökonomen haben eine Reihe von Faktoren identifiziert, die zum subjektiven Wohlbefinden beitragen, aber am wichtigsten sind soziale Bindungen…Sozialwissenschaftler wissen seit einiger Zeit, dass gläubige Menschen glücklicher und gesünder sind als andere, und die Forschung legt nahe, dass sie in dichtere soziale Netzwerke eingebettet sind als Säkularisten. "

 

Wenn Nichtgläubige in Kontakt mit einer religiösen Gemeinschaft kommen, welche tiefe soziale Bindungen pflegt, kann das sehr anziehend auf sie wirken. Dr. Rodney Stark meint dazu: „Menschen schließen sich religiösen Gruppen nicht an, weil sie die Lehren plötzlich ansprechend finden. Sie konvertieren, wenn ihre Verbindungen zu Mitgliedern ihre Bindungen zu Nicht-Mitgliedern überwiegen.“

 

Studien im Bundesstaat Washington, USA, aus dem Jahre 1976-77 befassten sich mit der missionarischen Arbeit der Mormonen. Die Zahlen sprechen für sich. Wenn Mormonen von Tür zu Tür zogen, schloss sich einer von 1000 Personen der Bewegung an. Bei Programmen im Hause von praktizierenden Mormonen, welche Freunde und Bekannte zu sich einluden, konnte jede zweite Person zum Glauben gewonnen werden! Prof. Sean Everton bezieht sich in seinem Blog auch auf die Studien von David Snow und Dr. Stillson Judah, die folgende Erkenntnisse machten: „Erfolgreiche soziale Bewegungen, ob religiös oder nicht, rekrutieren hauptsächlich durch soziale Netzwerke von Freunden und Familien. Alle Gruppen, die sie studierten, außer den Hare Krishnas, rekrutierten über 50 Prozent ihrer Mitglieder entweder durch Verwandtschafts- oder Freundschaftsnetzwerke, wobei einige über 90 Prozent ihrer Mitglieder durch solche Netzwerke rekrutierten. Die einzige Ausnahme waren die Hare Krishnas (nur 3%). Warum? Weil die Hare Krishnas eine exklusive Vollzeit-Teilnahme ihrer Mitglieder fordern und von allen Mitgliedern verlangen, dass sie  alle anderen sozialen Verbindungen abbrechen. Daher haben sie keine sozialen Netzwerke außerhalb der Gruppe, durch die sie rekrutieren können, und dies zwingt sie dazu, von öffentlichen Plätzen aus zu rekrutieren (97% der neuen Mitglieder). Deshalb sind sie so klein und das ist der Grund, warum wachsende soziale Bewegungen offene soziale Netzwerke aufrechterhalten müssen.„

 

Diese Studie liegt mehr als 40 Jahre zurück, damals besass die ISKCON eine ganz andere Dynamik. Tatsächlich bestand die Bewegung hauptsächlich aus jungen Männern und Frauen, welche alles aufgaben und Vollzeit in missionarischen Tätigkeiten beschäftigt waren. Anstatt ein offenes soziales Netzwerk zu bilden, wurden alle sozialen Kontakte abgebrochen, potentielle neue Mitglieder suchte man ausserhalb der eigenen Netzwerke. 

 

Was wir heute als ISKCON kennen, ist etwas ganz anderes. 99% der Mitglieder haben Familien, gehen zur Arbeit, pflegen Kontakte zu Freunden und Bekannten. Die meisten Hare Krishnas sind heutzutage also in der Gesellschaft integriert. Dadurch ergibt sich ein viel offeneres soziales Netzwerk als in den Anfangszeiten.

 

Srila Prabhupada war seiner Zeit wie immer voraus und verstand, dass dies die natürliche Entwicklung sein wird, daher gab er damals schon die folgende Unterweisung: 

 

"Eine Person, die ein Haushälter ist, aber von einem Sanyasi eingeweiht wurde, hat die Pflicht, das Krishna-Bewusstsein zu Hause zu verbreiten; so weit wie möglich sollte er seine Freunde und Nachbarn zu seinem Haus rufen und Vorlesungen zum Krishna-Bewusstsein halten. Eine Klasse zu halten bedeutet, den heiligen Namen Krishnas zu singen und von der Bhagavad-gita oder dem Srimad-Bhagavatam zu sprechen.“ 4

 

9. Ausreichend strikt bleiben

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie dauerhaft eine ausreichende Spannung zu ihrer Umgebung aufrechterhalten, ausreichend strikt bleiben.

 

These 3 behandelte dieses Thema bereits: Religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße erfolgreich zu sein, wie sie einen mittleren Grad von Spannung mit ihrer Umgebung halten, strikt, aber nicht zu strikt sind. Interessanterweise scheint Dr. Rodney Stark dieser Aspekt so wichtig zu sein, dass er hier noch einmal dein gleichen anführt und betont, dass religiöse Gemeinschaften strikt bleiben müssen. Auch Srila Prabhupada betonte immer und immer wieder, wie wichtige es sei, eine gewisse Reinheit aufrecht zu erhalten, denn `Purity is the force`! Ein Auswahl von Zitaten in diesem Zusammenhang: 

 

"Jetzt erkennen die Leute, wie authentisch unsere Bewegung ist, sie kommen, um uns so viele Grundstücke anzubieten. Wir müssen einfach unsere strengen Prinzipien einhalten und uns rein halten. Ansonsten gibt es so viele betrügerische Institutionen, die im Namen Gottes Geschäfte machen und einfach die Leute betrügen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wie diese anderen degenerieren. "5

 

"Wir müssen für die Organisation arbeiten, aber nicht so, dass wir den ganzen Tag und die Nacht beschäftigt sind und kein Sat-sanga haben. Das ist eine fehlgeleitete Praxis, und sie wird die ganze Struktur verderben. In Los Angeles versammeln sich die Devotees regelmäßig während Arati und Klasse. Wenn dieses regulative Prinzip verloren geht, dann seid ihr Karmis. "6

 

"Ich befürchte, dass wenn wir uns zu sehr auf diese Weise ausdehnen, werden wir geschwächt und allmählich wird das Ganze verloren gehen. Genau wie Milch. Wir können sie mehr und mehr mit Wasser verdünnen, um die Kunden zu betrügen, aber am Ende wird es keine Milch mehr sein. "7

 

10. Jugend erfolgreich sozialisieren 

 

Neue religiöse Bewegungen scheinen in dem Maße Erfolg zu haben, wie sie die Jugend ausreichend gut sozialisieren, um sowohl Austritt als auch die Forderung nach reduzierter Strenge zu minimieren.

 

Hier sprechen wir nicht einfach generell über Jugendliche, sondern über jene, die in der Bewegung geboren und/oder darin aufgewachsen sind. Sie sollten so sozialisiert werden, dass sie in der Bewegung bleiben und sich aktiv darin beschäftigen.  

 

Es ist ein grosser Unterschied, einer Bewegung als Erwachsener beizutreten oder darin geboren zu werden. Wer sich als Erwachsener einer religiösen Bewegung anschliesst, akzeptiert die Glaubenskonzepte und all die Regeln und Regulierungen aus freien Stücken. Wer aber hineingeboren wurde, wächst einfach damit auf, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben. Sobald junge Menschen erwachsen werden und eigene Entscheidungen treffen können, tendieren sie oft dazu, die Striktheit der Gruppe zu reduzieren oder diese sogar ganz zu verlassen. Erfolgreiche religiöse Bewegungen integrieren diejenigen, die in der Gruppe aufgewachsen sind auf eine Weise, dass folgende Resultate zu sehen sind: Die Jugendlichen identifizieren sich weiterhin mit den Lehren der Gruppe. Die Jungen übernehmen den von der Gruppe empfohlenen Lebensstil. Die Jungen bleiben oder werden in der Gruppe aktiv. Die Jungen fördern keine niedrigeren Standards; sie versuchen nicht, die etablierten Praktiken zu verwässern.

 

Das Pew Research Centre veröffentlichte vor ein paar Jahren eine Studie, welche aufzeigt , in welchen Religionen wieviel Prozent der Gläubigen sich auch als Erwachsene mit ihrer Religion verbunden fühlen. An erster Stelle stehen die Hindus. 84% aller im Hinduismus geborenen Gläubige bleiben auch als Erwachsene Hindus.( Diese Studie sagt allerdings nichts darüber aus, wie ernsthaft jemand praktiziert). Auch bei Muslimen und Juden sind es  mehr als 2/3 der jungen Menschen, die an ihrer ursprünglichen Tradition festhalten. Die Zeugen Jehovas zum Beispiel scheinen nicht so erfolgreich zu sein, ihre jungen Mitglieder in der Gemeinde zu halten, nur gerade 37% bleiben. Von 100 jungen Menschen, welche in der Gemeinde der Zeugen Jehovas aufgewachsen sind, verlassen 63 die Bewegung. 

 

Das erfolgreiche Sozialisieren der Jungen Mitglieder ist für jede religiöse Gemeinschaft eine grosse Herausforderung. Verschiedene Bewegungen haben unterschiedliche Wege, wie sie ihre Jugendlichen zu inspirieren versuchen. Die Mormonen zB ermutigen die jungen Mitglieder, in ein fremdes Land zu reisen, um sich dort missionarischer Tätigkeit zu widmen.  

 

Besonders erfolgreich sind die bereits bei These 6 (Geburtenzahl sicherstellen)  erwähnte christliche Gemeinde der Amish. Sie haben nicht nur grosse Familien mit vielen Kindern, sondern es gelingt ihnen auch sehr erfolgreich, die Jugendlichen für ihren Lebensstil zu begeistern, dies obwohl sie sehr einfach und traditionell leben (kein TV, keine Autos, kein Internet etc). Wenn junge Amish-Mitglieder ein Alter von 16 Jahren erreicht haben, werden sie dazu ermutigt, die Welt ausserhalb der Amish-Gemeinde zu entdecken. Die Gemeinde kennt sogar einen speziellen Begriff dafür: `Rumspringa`. Hier erkennt man die Schweizer Wurzeln der Gemeinschaft, Rumspringa kommt von herum springen, sprich sich austoben, im englischen als `to be wild` übersetzt.8 Die Jugendlichen erhalten also die Erlaubnis die Gemeinde zu verlassen, alles auszuprobieren und dann selber zu entscheiden, ob sie entweder in die Gemeinde zurück kommen, sich taufen lassen und ihr Leben innerhalb der Amish Gemeinde zu widmen oder aber nicht zurück zu kehren und ihr eigenes Leben ausserhalb der Gemeinde zu führen. Erstaunlicherweise entscheiden sich 90%, also 9 von 10 Jugendlichen, in die Gemeinschaft der Amish zurückzukehren!

 

Kinder und Jugendliche in der ISKCON

 

Wie sieht das in unserer Bewegung aus? Leider ist es uns in den letzten 50 Jahren nicht gelungen, Jugendliche erfolgreich zu sozialisieren. Sicher gibt es Ausnahmen, aber im Grossen und Ganzen haben wir in diesem Bereich noch viel zu lernen. 

 

Wenn junge Krishna Devotees  Kinder haben, sind sie davon überzeugt, dass ihre Kinder ganz spezielle Devotees sein werden. „ Oh, hör mal, seine ersten Worte `Paphupa, Paphupa` (Prabhupada)“ oder „Mein Kind ist an Janmastami geboren!“ Das ist ok, aber etwa 200 Millionen andere Kinder sind auch an dem Tag zur Welt gekommen. Dies alleine gibt noch keine Garantie, dass die Kinder später auch wirklich Devotees von Krishna sein werden. Es ist einfach Kinder im Alter von drei, fünf oder acht zum Tempel zu bringen. Die wirkliche Herausforderung ist es, die Kinder zum Tempelbesuch zu inspirieren, wenn sie 13, 15 oder 18 Jahre alt geworden sind. 

 

Wie stand Srila Prabhupada zu dem Thema? Er legte sehr viel Wert auf die Erziehung der in der ISKCON hineingeboren Kinder und betonte immer wieder die Wichtigkeit der Gurukulas (Kinderschulen in der ISKCON). Für viele Devotees ist das Thema Gurukula ein rotes Tuch und wir müssen eingestehen, dass unsere Bewegung viele Fehler gemacht hat, wenn es um die Gurukulas geht. Aus den folgenden Zitaten können wir aber verstehen, wie wichtig Srila Prabhupada dieses Anliegen war: 

 

"Verderbt eure Kinder nicht. Das moderne Bildungssystem ohne Kenntnis von Bhagavan (Gott), ich kann es euch offen sagen, nicht nur in Indien, überall sind sie praktisch Schlachthöfe.“ 9

 

Wie soll man diese Aussage verstehen? `Schlachthöfe`? Srila Prabhupada will damit ausdrücken, dass es im modernen Schulsystem keine wirkliche Charakter-Bildung gibt, ganz im Gegenteil, leider degenerieren die jungen Menschen mehr und mehr. 

Die folgende Liste, zusammengestellt von der California State Police und dem California Department of Education, beschreibt die Top 10 disziplinarische Probleme in Schulen im Jahr 1940 und im Vergleich im Jahr 1990:  

 

Top Probleme im Jahr 1940: 1. Reden, 2. Kaugummi, 3. Lärm machen, 4. Laufen in den Hallen, 5. Aus der Reihe geraten, 6. Unsachgemäße Kleidung tragen, 7. Papier nicht in den Papierkorb legen. 

 

Top Probleme in den 1990er Jahren: 1. Drogenmissbrauch, 2. Alkoholmissbrauch, 3. Schwangerschaft, 4. Selbstmord, 5. Vergewaltigung, 6. Raub, 7. Angriff. 

 

Die Liste spricht für sich selbst! Srila Prabhupada war sich dessen bewusst und betonte daher die Wichtigkeit von eigener Schulbildung und Erziehung: 

 

„Ich halte diese Gurukula-Schule für einen unserer wichtigsten Aspekte dieser Bewegung und sollte von allen Mitgliedern ernst genommen werden.“ 10

 

„In unserer Krishna-Bewusstseins-Bewegung spielt der Guru-Kula eine extrem wichtige Rolle in unseren Aktivitäten, weil die Jungen an der Gurukula schon seit ihrer Kindheit über das Krsna-Bewusstsein unterrichtet sind. So werden sie im Kern ihrer Herzen fest.“ 11

 

So wichtig wie Srila Prabhupada dieser Punkt war, sind wir leider dennoch weit davon entfernt. Von den 10 Thesen, die wir hier besprochen haben, ist die ISKCON in diesem Punkt wahrscheinlich am schwächsten. Hoffentlich werden die Leaders unserer Bewegung in der Zukunft mehr Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt des Krishna Bewusstseins richten. 

 

Damit sind wir zum Ende dieser Studie gekommen.Ich persönlich fand es sehr spannend, verschiedene religiöse Traditionen und die ISKCON ganz spezifisch im Licht von soziologischen Erkenntnisse zu analysieren. Ich hoffe, diese fünf Artikel waren auch für euch interessant und haben verschiedene Gedankengänge ausgelöst. Die ISKCON ganz allgemein könnte sicher einiges von den Studien Dr. Starks lernen. Zum Abschluss hier noch einmal die 10 Thesen im Überblick: 

 

10 Ursachen für den Erfolg religiöser Bewegungen, nach Professor Rodney Stark: 

 

Unter sonst gleichen Bedingungen werden religiöse Bewegungen in dem Maße erfolgreich sein, wie

 

1. sie kulturelle Kontinuität mit den konventionellen Glaubenssystemen der Gesellschaften, in denen sie Konvertiten suchen, beibehalten;

2. ihre Lehren nicht-empirisch sind;

3. sie einen mittleren Grad von Spannung mit ihrer Umgebung halten, strikt, aber nicht zu strikt sind;

4. sie legitime Führer mit angemessener Autorität, um effektiv zu sein, haben;

5. sie einen hoch motivierten, freiwilligen Arbeitseinsatz mobilisieren können, einschließlich vieler Mitglieder, die bereit sind zur Bekehrungsarbeit;

6. sie eine Geburtenzahl sicherstellen, die ausreicht, um wenigstens die Sterblichkeitsrate auszugleichen;

7. sie mit schwachen, alteingesessenen religiösen Organisationen innerhalb eines relativ unregulierten religiösen Marktes konkurrieren;

8. sie starke interne Beziehungen unterhalten, während sie gleichzeitig ein offenes soziales Netzwerk bleiben, das in der Lage ist, Verbindungen zu Menschen außerhalb aufrechtzuerhalten und neu zu knüpfen.

9. sie dauerhaft eine ausreichende Spannung zu ihrer Umgebung aufrechterhalten, ausreichend strikt bleiben. 

10. sie die Jugend ausreichend gut sozialisieren, um sowohl Austritt als auch die Forderung nach reduzierter Strenge zu minimieren.

 

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1 – Vers 4, Sri Upadesamrita 

2 – Brief an Upendra, 6 August 1970

3 – Bhakti Tirtha Swami Maharaja; Spiritual Warrior III

4 – Srimad-Bhagavatam, 3.21.31, Erläuterung

5 – Brief an Yasomatinandana, 9 Januar 1976

6 – Zimmergespräch, New Delhi, 3 November 1973

7 – Brief an Hamsaduta, 22 Juni, 1972

8 – Buch: Tom Shachtman: Rumspringa: To Be or Not to Be Amish, New York, 2006.

9 – Pandal Lecture, Delhi, 20 November 1971

10 – Brief an Stokakrsna, 20 June 1972

11 – Srimad-Bhagavatam 7.5.56-57, purport

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