Zehn Jahre im Dienst der Tempelleitung

 

Krishna Premarupa Dasa (40) lebt seit 2001 im Krishna Tempel Zürich und übernahm im Oktober 2007 die verantwortungsvolle Aufgabe der Tempelleitung. Zehn Jahre sind mittlerweile verstrichen. Was hat sich in dieser Zeit alles verändert? Wo steht der Tempel und sein Leiter heute? Und wie geht`s weiter? Mit dem Tempel und Privat? Solche und weitere Fragen beantwortet Krishna Premarupa im folgenden Interview vom 7.Oktober 2017.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krishnas Freundeskreis (KFK): Zehn Jahre ist eine lange Zeit, wie fühlt sich das für dich an? Wie stehst du heute zu deinem Seva? 

 

Krishna Premarupa Dasa (KPD): Ich bin dankbar, dass ich diesen Dienst machen darf. Ich durfte durch das Annehmen dieser Verantwortung sehr viel lernen. Ich denke speziell auf der persönlichen Ebene ist bei mir viel passiert. Ich bin grundsätzlich eher introvertiert und fühlte mich als Koch und Pujari ganz wohl - Dienste die im Hintergrund stattfinden. Als Leader wurde ich dann plötzlich ins Rampenlicht gestellt. Das war für mich am Anfang schon etwas herausfordernd, aber mit der Zeit habe ich gelernt mehr aus mir herauszukommen, mich zu öffnen und mehr auf meine Mitmenschen einzugehen. Heute fühlt sich die Rolle als Tempelpräsident recht natürlich an und die Möglichkeit den Devotees auf diese Weise zu dienen ist sehr zufriedenstellend. 

 

KFK: Wie kam es damals eigentlich dazu? 

 

KPD: Für mich kam das sehr überraschend. Von einem auf den anderen Tag wurde ich angefragt ob ich Tempelpräsident werde möchte! Im ersten Moment lehnte ich das Angebot ab - hatte überhaupt keine Ambitionen für eine institutionelle Kariere in der ISKCON. Doch als mir klar wurde, dass viele ältere Devotees hinter dieser Idee standen und auch meine Siksa Gurus dies befürworteten, öffnete ich mich mehr für die Idee. Mein Vorgänger, Murlidhara Prabhu, welcher ja bis heute aktiv in Tempel sowie im Stiftungsvorstand tätig ist, hatte in seinen rund fünf Dienstjahren sehr viel Struktur und Fundament gelegt. Das war wichtig für den Tempel, speziell nach den Schwierigkeiten Ende der 90er Jahre. In mir sahen die damaligen Vorstandsmitglieder wohl so was wie die neue Generation von Devotees, welche sie fördern wollten, wodurch sie sich einen neuen Input für die Zukunft erhofft haben.

 

KFK: Wenn du heute zurückschaust, bist du zufrieden mit der Entwicklung des Tempels? Konntest du den erwünschten ‚neuen Input‘ herbeiführen? 

 

KPD: Naja, ich würde sagen teilweise. In meinen Visionen für die Zukunft des Tempels hatte ich damals schon etwas andere Vorstellungen…zehn Jahre klingt nach einer langen Zeit, in welcher vieles möglich ist. So träumte ich von einem dynamischen Team von jungen Brahmacaris, verschiedenen Predigerprogrammen, neuen Projekten und so weiter. Die Realität sieht heute aber etwas anders aus. Zwar entwickelte sich über die Jahre tatsächlich eine gutes Team, mit welchem wir für viele Jahre zusammen im Tempel dienten, viele von ihnen sind heute aber bereits wieder ausgezogen und das Aufbauen eines neuen Teams beginnt von vorne…

 

Die meiste Energie fliesst ins Erhalten des Tempelgeschehens und nicht ins Training der Devotees oder ins Verbreiten des Krishna Bewusstseins - etwas womit ich nicht wirklich zufrieden sein kann. Aber ja, das Erhalten des Tempels über so viele Jahre ist ja in Sich auch ein wertvoller Beitrag, so versichern mir viele Devotees immer wieder, wenn ich über diesen Punkt spreche. 

 

KFK: Was würdest du als deine grössten Erfolge bezeichnen? 

 

KPD: Erfolge? Es gibt Entwicklungen die mich erfreuen. Zum Beispiel, dass wir nun in Zürich auch Bhakti Shastri Kurse anbieten. Ein Dutzend Devotees studierte während zwei Jahren jeden Donnerstag Abend Srila Prabhupada`s Bücher. Das empfinde ich als eine sehr wertvolle Entwicklung. Zudem zeigen die Bemühungen der Öffentlichkeitsarbeit immer wieder Früchte. Die vielen Einladungen für interreligiöse Anlässe, die regelmässigen Schulbesuche, unsere Präsenz in den Schulbüchern des Kanton Zürichs (Kultur und Religion) und die positiven Medienberichte geben Hoffnung, dass die Hare Krishna Bewegung mehr und mehr als eine authentische spirituelle Tradition anerkennt wird, etwas was mir sehr am Herzen liegt.

 

KFK: Was denkest du, macht einen guten Leader aus?

 

KPD: Gerade in einer spirituellen Institution ist es wichtig, dass die Leader sich als Diener aller anderen Devotees sehen. ‚Servant Leadership‘ ist das Stichwort. Es geht darum die Devotees zu inspirieren und sie auch zu ermächtigen sich entsprechend ihren Talenten und Kapazitäten in Krishna`s Dienst zu stellen. Kürzlich hörte ich ein sehr passendes Zitat in diesem Zusammenhang:   ‚Als Leader beeindruckst du deine Team-Member nicht indem du zeigst, wie einzigartig du bist, du inspirierst sie indem du ihnen zeigst, wie einzigartig sie sind‘. Ich behaupte nicht das ich diese Kunst bereits beherrsche, aber es ist das, was mich in meiner Arbeit inspiriert. 

 

KFK: Was waren deine grössten Herausforderungen in den vergangen Jahren? 

 

KPD: Ein Sache, welche immer wieder für Herausforderungen sorgt, ist die Suche nach der richtigen Balance. Balance einerseits wenn es darum geht Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel im Umgang mit schwierigen Personen wo es darum geht eine Balance zwischen Barmherzigkeit und Stricktheit zu finden, oder auch im Umgang mit Gottgeweihten von anderen Maths, also Devotees die eine Einweihung ausserhalb der ISKCON erhalten haben, wo eine Balance zwischen Offenheit, Respekt auf der einen und Loyalität zur Guruparampara und das befolgen von Richtlinien auf der anderen Seite zu finden ist. Nicht immer einfach! Oder auf der persönlichen Ebene, wenn es um eine Balance zwischen meinem Seva (Dienst), meinem Sadhana (spirituellen Praxis) und meinem privat Leben geht. 

 

KFK: Auf der persönlichen Ebene scheinst du recht ausgeglichen zu sein? Wie sieht deine Freizeit aus, hat eine Tempelpräsident überhaupt so was? 

 

KPD: (lacht) Ich bemühe mich ausgeglichen zu bleiben. Aber es ist schon so, dass ich ein bisschen ein ‚Workaholic’ bin und mir manchmal etwas mehr Freizeit nehmen sollte. Wobei ich ein grosser Teil meiner Freizeit in Aktivitäten investiere, die wir ISKCON Communication nennen, wie interreligiöse Anlässe, das Schreiben von Blogs und Ähnliches. Eine Arbeit die mir sehr viel Freude bereitet. Ich achte aber auch darauf mich regelmässig zu regenerieren. Dies tue ich durch lesen, schreiben, Spaziergänge und regelmässiges Schwimmen.

 

KFK: Wo siehts du den Tempel, die Gemeinde in 10 Jahren? Was möchtest du erreichen? Was ist deine Vision für den Tempel? 

 

KPD: Mein Wunsch wäre es den jungen Devotees eine bessere Ausbildung anbieten zu können, dass der Tempel wirklich eine Ausbildungsstätte wird, wo das Lernen, das Vermitteln von transzendentalem Wissen im Vordergrund steht. Zudem wäre es in Srila Prabhupadas Sinn, dass wir wieder vermehrt das Krishna Bewusstsein gegen aussen präsentieren würden. Toll wäre es zum Beispiel wenn wir Programme an der Universität haben könnten. 

 

Grundsätzlich glaube ich aber, dass wir als Gemeinde erst noch etwas mehr zusammenwachsen müssten, also eine engere Zusammenarbeit haben sollten. Ich denke auch, dass es wertvoll wäre wenn wir in der Schweiz so was wie ein `Devotee Care Programm` oder `Bhakti Vriksa`- Gruppen entwickeln könnten, so dass sich Devotees nicht nur am Sonntag oder an Festivals im Tempel treffen, sondern auch unter der Woche mehr Gemeinschaft untereinander haben so wie das zum Beispiel in St.Gallen der Fall ist. 

 

KFK: Im letzten Jahr hast du am GBC College studiert? Magst du uns etwas darüber erzählen? 

 

KPD: Ja, gerne. Neben meinem Seva als Tempelpräsident diene ich seit 2011 auch als ‚Regional Secretary‘ (heute ‚Zonal Supervisor’ genannt) was bedeutet, dass ich als Vermittler und Sekretär zwischen dem GBC und dem Yatra tätig bin und auch zweimal im Jahr an den GBC Meetings auf europäischer Ebene teilnehme. Das GBC College ist ein Training für zukünftige Leader der ISKCON und fand in Mumbai auf der Govardhana Eco Village Farm statt. Zwei Wochen im Frühling und zwei Wochen im Herbst hatten wir dort mit rund 50 Devotees aus aller Welt Weiterbildungen zum Thema Management und Leadership. Zusätzlich umfasste die Ausbildung zwölf Monate Online Kurse sowie ein ‚Action Learning Project‘, bei welchem man das Gelernte anwenden musste. 

 

KFK: Und was bedeutet das jetzt? Wirst du eines Tages ein GBC Member werden?!

 

KPD: Naja, mal schauen. Ich bin nicht so begierig auf diesen Posten. Aber es ist schon so, dass die ISKCON sich in einer ziemlichen Umbruchphase befindet. Die gegenwärtigen Leader, alle bald um die 70 Jahre alt, realisieren langsam, dass die Führung der Bewegung in den nächsten fünf bis zehn Jahren der jüngeren Generation übergeben werden muss. Wie weit ich Teil davon sein werde ist noch offen. Ich versuche mich bei solchen Dingen von Krishna führen zu lassen und  treffe keine voreilige Entscheidungen.

 

KFK: Wo siehts du dich selber in zehn Jahren in Bezug auf deinen Ashrama und deinen Seva?  Bleibst du uns noch etwas erhalten?

 

KPD: In Bezug auf meinen Ashrama fühle ich mich nach wie vor sehr wohl und möchte mein Leben schon auf eine entsagte, eine `auf Krishna ausgerichtete` Weise führen. Was den Seva anbelangt werde ich dem Zürcher Tempel sicher noch etwas erhalten bleiben, obwohl ich mich schon auch in anderen Rollen sehen könnte. Aber ja, das wird alles zur rechten Zeit kommen.  

 

KFK:  Feierst du das zehnjährige Jubiläum auf eine gewisse Weise? 

 

KPD: Mhh, nicht spezifisch. Aber in gewissem Sinne schon. Ich werden mir nämlich eine Auszeit nehmen. Ab Dezember bin ich für vier Monate in Vrindavana, Indien und versuche mich dort im Studium des Srimad Bhagavatams zu vertiefen (Bhakti Vaibhava Kurs). Darauf freue ich mich schon sehr. Das wird sicher eine sehr wertvolle Zeit für mich sein um danach wieder gestärkt in meinen Seva zurückzukehren. 

 

KFK: Herzlichen Dank für das Gespräch und dann alles Gute für dein Studium in Vrindavan Dhama! 

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